Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Der ungelöste Konflikt zwischen leiblicher Einengung und überwältigendem Fluchtimpuls

Angst vor dem Leben und Anthropologie der Angst

Angst ist kein bloßes Übel, sondern ein zentrales existenzialistisches Merkmal des Menschseins, das auf Freiheit, Endlichkeit und die Notwendigkeit der Selbstwerdung verweist. Während Kierkegaard Angst als „Schwindel der Freiheit“ vor eigenen Möglichkeiten beschreibt, sieht Heidegger sie als Grundbefindlichkeit vor dem „Nicht-Sein“. Sartre deutet sie als Bedingung der menschlichen Freiheit. Angst vor dem Leben ist laut Existenzphilosophie die Grundlage des menschlichen Daseins. Auch die Anthropologie findet Gründe für die existenzielle Angst des Menschen, die in der modernen Gesellschaft weit verbreitet ist. Dabei fallen deutliche Analogien zu Angststörungen und aktuellen Lebensängsten auf. Gefühle wie Angst werden im gängigen Gesundheitssystem auf eine Innenschau reduziert, als eine Art Nebeneffekt körperlicher Prozesse.

Diese Auffassung hat seit Platon und Descartes Tradition: Der Dualismus von Leib und Seele, der das Erleben vom Körper trennt. Das Prinzip ist bekannt, denn wir alle sind damit aufgewachsen. Der Rationalismus durchdringt alle Lebensbereiche – und zwar nicht erst seit heute, sondern seit ein paar Jahrhunderten. Das merkt man zum Beispiel daran, dass der heutige Sprachgebrauch sich am technischen, maschinellen Bereich orientiert und dingliche Begriffe auf den Menschen überträgt: Menschen stehen unter Druck, funktionieren oder sind normal, leistungsfähig und besitzen Widerstandsfähigkeit. Natur, Tier und Mensch sind Ressourcen, also zweckbestimmte Mittel. Aber Menschen sind nur eingeschränkt messbar und logisch.

In der Psychotherapie und der Phänomenologie sieht man das z.B. ganz anders. Laut Philosophie leben wir Menschen NICHT in einer Welt, die nur aus Materie und festen Körpern besteht. Das hat jetzt nichts mit Esoterik oder Spiritualität zu tun, sondern mit der Frage nach den Grundlagen und Grundbefindlichkeiten menschlicher Existenz, wie sie in der Philosophie schon immer diskutiert wird. Nach der phänomenologischen Perspektive erfährt der Mensch den Lebensraum um sich herum in affektiven Qualitäten, was bedeutet, dass die Wahrnehmung immer durch Gefühle beeinflusst oder gekennzeichnet ist. Ohne Leib als Medium des Erlebens existiert auch kein Gefühl. Das Bewusstsein, das ICH, das Selbst, die Psyche – wie man es auch nennt – kann nicht von der Physis getrennt werden. Stimmungen wirken also atmosphärisch auf die Wahrnehmung der Umwelt ein: Ist man schlecht gelaunt oder gar depressiv, erscheinen die Ereignisse weitaus düsterer und negativer als bei guter Laune (Vgl.: In der Depression – die Verfremdung der Lebenswelt). Lebt man mit einer Angststörung, lauern überall potenzielle Gefahren für die Integrität des Selbst, die ganze Lebenswelt bietet keinen Halt und keine Orientierung (Teufelskreis der Angst).

Der große Verdienst von Philosophen wie Kierkegaard, Heidegger oder Sartre ist das Begreifen des Daseins als In-der-Welt-sein und der existenziellen Grundlage von Angst als Basisgefühl des Menschen. “Kierkegaard sieht sein Zeitalter stürzen in das Nichts der bodenlosen Reflexion, der totalen Nivellierung, der Fiktionen, hinter denen keine Deckung steht, des universalen gottlosen ‚Als ob‘. Nietzsche folgte Jahrzehnte später, ohne Kierkegaard zu kennen. Er sah die Heraufkunft des europäischen Nihilismus, in welchem er seiner Zeit die unerbittliche Diagnose stellte.” Die neuere Philosophie lässt dazu die berühmte Differenzierung zwischen Angst und Furcht fallen und fasst die beiden Begriffe eher als graduellen Unterschied auf. Die diffuse Angst versucht sich immer wieder in konkreter Furcht vor einem Objekt zu manifestieren, wechselt aber auch wieder in ihren flottierenden Charakter. Aus unseren Daseinsstrukturen lassen sich psychische Erkrankungen wie „Abwandlungsformen“ des In-der-Welt-seins verstehen: Geisteskrankheiten sind dann Möglichkeiten unseres Daseins – wenn auch eingeschränkte Möglichkeiten.

Nochmal im Klartext: Der Phänomenologie geht es also um das innere Erleben, die Subjektivität des Menschen. Aber wie soll man die bitte einschätzen können? Subjektivität hat schließlich keinen Maßstab. Hier fragt die Philosophie nach nichts Geringerem als der conditio humana, den Grundbedingungen der menschlichen Existenz. Zudem existiert eine spezifische Vulnerabilität des Menschen, eine besondere psychische Angreifbarkeit. Diese Verwundbarkeit hängt offensichtlich mit den höheren Freiheiten des menschlichen Daseins zusammen. In Anlehnung an Kierkegaard, Heidegger und Jaspers sind es vor allem menschliche Grundlagen wie Selbstreflexivität, Leib-Körper-Verhältnis etc., die den Nährboden für existenzielle Ängste bilden können. „Dies ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Sich ängstigen lernen, damit man nicht verloren ist. Entweder weil man sich niemals geängstigt hat, oder weil man in der Angst versunken ist. Wer aber sich recht ängstigen lernte, der hat das Höchste gelernt. Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit“ (Kierkegaard). Die Grundstruktur der Angst zeigt sich für Fuchs in der „Hemmung eines Fluchtimpulses angesichts einer Bedrohung“ – also eine Spannung & Ausweglosigkeit. Der Mensch ist ein „zwischen die Pole von Enge und Weite, Nähe und Ferne, Verbindung und Trennung eingespanntes Wesen.“

Ob nun vital, sozial oder existenziell – Angst ist immer als Reaktion zu verstehen. Und zwar auf die Gefährdung des Selbst in einem Bereich, der als (über)lebenswichtig empfunden wird. Das Herz rast, man schwitzt usw., aber das ist die äußerliche Betrachtungsweise eines psychischen Vorgangs, der viel komplexer ist. Auf metaphysischer und meta-emotionaler Ebene lässt sich eine Grundstruktur der Angst beschreiben: Die Basis ist ein unlöslicher Konflikt zwischen leiblicher Einengung und dem überwältigenden Fluchtimpuls. Du fühlst eine Beklemmung in der Brust, eine Enge in der Atmung oder einen Kloß/Widerstand im Hals – das ist die leibliche Erfahrung der Angst, die sich vom körperlichen Erleben wie Herzrasen oder Schwitzen unterscheidet. Häufig führt der Widerstreit von Fluchtdrang und leiblicher Beklemmung zu einer Lähmung des Körpers und Geistes.

Ist der Leib als Erlebnismedium in seiner Fähigkeit eingeschränkt, fällt plötzlich die Beziehung zu Deiner Umwelt weg. Es gibt keinen Fluchtraum mehr, Du bist völlig auf Dich selbst fokussiert und findest keine Orientierung im Raum. Diese Haltlosigkeit ist mit Schwindel und Ohnmachtsgefühlen bei akuten Angstattacken vergleichbar. Das erklärt auch die veränderte Beurteilung von Situationen, Menschen, Dingen: Die Angst vereinnahmt die Lebenswelt und macht sie zu einem umheimlichen Ort voller Gefahren. Der Mensch wird durch die Angst von der Umwelt getrennt und zu einem Fokus auf sich selbst gezwungen. Er kann keine Distanz zu seinem Angst-Erleben aufbauen und ist von seinen Mitmenschen völlig isoliert, da er auch von der Umwelt getrennt wird. Im existenzphilosophischen Sinne geht es hier um Sein oder Nicht-Sein, ums nackte Überleben des Daseins. Die Angst schränkt auch den Sinn für die Zukunft ein, indem sie das Vorstellungsvermögen, die Fantasie mit katastrophalen Bildern flutet. Die Vorstellungen während Angstzuständen ist immer negativ und selbstbezogen, die Wahrnehmung extrem reduziert auf Flucht oder Untergang. Eine objektive Sicht ist gar nicht möglich, weil diese Art der Wahrnehmung gar nicht in der momentanen Fähigkeit von angstgestörten Menschen liegt.

Schon als Kind erfahren wir Angst und sind damit anfällig für existenzielle Ängste, da unsere Existenz von Geburt an ungesichert ist. Wir sind auf Erwachsene angewiesen, um zu überleben. Das Empfinden der eigenen Abhängigkeit und Hilflosigkeit erzeugt Angst. Sie hat aber auch eine regulierende Funktion in der Gemeinschaft. Sie gleicht nach Freud einem inneren Wächter für Selbstkontrolle, damit die Regeln der Gesellschaft nicht verletzt werden und das Zusammenleben reibungslos funktioniert. Die Sorge ums Leben gilt als Daseinsstruktur in der Phänomenologie. Sie kommt zustande, weil der Mensch Fantasie und Zukunftssinn hat, die ihn befähigen, Möglichkeiten und Spielräume zu erkennen. Bei Angstkrankheiten wird die Sorge ums Dasein extrem verstärkt. Katastrophengedanken und Erwartungsangst sind typische Symptome.

Die Offenheit der Möglichkeiten sind laut Existenzphilosophie erschreckend und beängstigend: Viele Freiheiten bedeuten nämlich auch viele ungewisse Zukunftsmöglichkeiten. Die Selbstverantwortung für das Schicksal und das Risiko, sich falsch zu verhalten, sind überwältigend. Mit der Sorge ums Dasein ist die Angst ein existenzieller Faktor für jeden Menschen. Die Angst ist als Ausdruck des Selbstverhältnisses zu verstehen. Die Angst ums Überleben liegt allen Angstformen/Angstkrankheiten zugrunde, so verschieden sie sich auch zeigen.
Dazu einige Beispiele:

Angst vor Ungewissheit (Freiheit)

Eine existenzielle Gefahr verspürt der Mensch, sobald er mit den grenzenlosen Möglichkeiten an Spielräumen (Freiheit) konfrontiert wird. Das Risiko, bei wichtigen Entscheidungen fürs Leben falsch zu liegen, ist hoch und macht Angst. Thema ist die existenzielle Angst, sein Leben falsch zu führen, die eigenen Ansprüche und Ideale nicht erfüllen zu können. Die unendliche Weite an Möglichkeiten wird oft mit Kierkegaards „Schwindel der Freiheit“ gleichgesetzt. Wie bei Höhenangst, wenn einem die Weite und Tiefe vor Augen ins Schwindeln bringen.

Angst vor Isolation

Die Sorge ums Dasein, um das eigene Selbst ist essenziell für uns. Gleichzeitig haben viele Menschen Angst davor, sie selbst zu sein, anders zu sein. Der Grund: Sie sehen im Ergreifen von Lebensmöglichkeiten die Gefahr, zu vereinzeln bzw. zu vereinsamen. Freiheit stellt den Menschen vor die Qual der Wahl, die er ganz alleine, ohne Orientierung & Hilfe treffen muss. Kein Halt bedeutet kein Fundament, kein stützender Grund, kein fester Punkt, keine sichere Bahn, in der das Leben verläuft. Die Haltlosigkeit wird auch mit der Weiteangst bei Agoraphobie gleichgesetzt.

Angst vor Freiheitsverlust

Das Enge- und Beklemmungsgefühl bei Panik- und Angstzuständen gibt einen bildlichen Eindruck von der Angst, Möglichkeiten nicht nutzen zu können. Der Mensch fürchtet die Enge, das Abschneiden des Möglichkeitsraumes oder besser gesagt: die Bedrohung seiner Freiheit. Analog zur Angst vor Freiheitsverlust steht die Klaustrophobie, die buchstäbliche Angst vor engen Räumen.

Angst vor Sinnlosigkeit

Die Existenzphilosophen Kierkegaard, Sartre und Camus sprechen von der Sinnlosigkeit der Welt: Es gibt nichts, dass dem Menschen einen Sinn im Leben vorgibt. Die Angst ist hier ein Moment der Erkenntnis, in dem sich der Mensch von der Welt und gleichzeitig von sich selbst entfremdet fühlt. Nichts hat eine universelle, feste Bedeutung. Der Mensch ist in der fremden Welt auf sich allein gestellt. Ein Ausdruck für diese existenzielle Angst kann die Daseins- und Weltangst sein, die sich bei einigen Angststörungen zeigt.

Angst vor Endlichkeit

Die existenzielle Form der Todesangst entsteht durch das Selbstverhältnis des Menschen zu seiner Daseinsform. Der Tod ist die extremste Form des Freiheitsverlustes macht alle Möglichkeiten unmöglich. Das Sterben ist die letzte Ausweglosigkeit, vor der es kein Entrinnen gibt. Und die macht selbstverständlich Angst. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit zeigt sich auf psychischer Ebene in Form von Panikattacken, spezifischen Phobien oder Hypochondrie.

Angst vor Entfremdung

In Momenten der Angst erleben wir eine Entfremdung des Selbst. Gedanken, Bilder, Reize und Impulse zerbrechen in vereinzelte Scherben, die das Bewusstsein chaotisch überfluten. Das Selbst hat Angst, sich aufzulösen und ins Nichts überzugehen. Ein Beispiel für Entfremdungsangst ist die psychotische Angst oder die Schizophrenie: Hier wird das Bewusstsein förmlich mit Bruchstücken von Gedanken, Bildern und Impulsen attackiert, die fremd erscheinen.

Fazit:

Die existenzielle Philosophie trägt dazu bei, Angst und Angststörungen nicht nur in einem (neuro)biologischen und sozialen Rahmen einzuordnen, sondern auch antimaterialistisch als Selbstverhältnis des Menschen zu sich. In der Moderne sehen wir uns mit einer Freiheit, Offenheit und Unsicherheit konfrontiert, wie niemals ein Mensch zuvor. Die Vielfalt an Optionen und Zukunftsentwürfen, die sich immer wieder ändern und sich nie völlig überblicken lassen, reißt einem den Boden unter den Füßen weg. Darum nutzt Kierkegaard Metaphern wie „gähnende Tiefe“, „Schwindel“ und „Abgrund“. Existenzielle Angst ist im philosophischen Sinne nichts Schlimmes oder Negatives. Sie ist vielmehr eine Grundform der menschlichen Freiheit. Wie wir mit der Angst umgehen, das ist der Punkt. Freiheit hat für uns zwei Seiten: Sie fasziniert, da sie Chancen aufdeckt und Veränderung ermöglicht. Andererseits macht sie Angst, weil sie gleichzeitig Unsicherheit, Risiko und Ungewissheit impliziert.