Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Das Bewusstsein des Menschen … oder Die Suche nach dem ICH

Seit jeher sucht der Mensch Antwort auf die vertrackteste aller Fragen: Wer bin ich? Und kann sich nie sicher sein, ob das, was er findet, der Kern des Problems ist oder nur eine weitere Hülle. Menschen sind sich ihrer selbst bewusst. Und keiner weiß mit Sicherheit, wie es dazu gekommen ist oder wozu das gut sein soll. Seit jeher suchen Philosophen, das Mysterium zu deuten. Psychologen und Physiker haben sich hinzugesellt – und Neurobiologen: Kann denn die Biomasse Hirn, können Zellen und Synapsen tatsächlich etwas so Abstraktes wie das Ich erzeugen? Eine Frage, die zu neuen brillanten Theorien reizt.

Gedankenspiel: Ich bin. Ich weiß, dass ich bin. Ich weiß, dass ich weiß, dass ich bin… Immer so weiter gedacht, erfasst einen dieser bodenlose Schwindel. Gewöhnlich nehmen wir als selbstverständlich hin, dass wir erlebende, denkende und fühlende Wesen sind. Und dann, gelegentlich, ergreift uns wieder die Rätselhaftigkeit des Ich-Erlebnisses: Man sitzt, vielleicht im Café, träumerisch in der Ecke, betrachtet zerstreut die schwatzenden Leute und plötzlich überkommt einen dieses abgründige Staunen, “jemand” zu sein und es obendrein zu wissen, hier und jetzt aus diesen Augen auf diese seltsame Welt zu schauen, deren Dasein man ebenfalls nicht begreift. Schon Kinder können von solch existentiellem Schwindelgefühl erfasst werden, wenn sie etwa herumgrübeln: Warum bin ich nicht jemand anders, meine Schwester zum Beispiel? Würde es mich geben, wenn ich einen anderen Vater hätte? Warum lebe ich gerade jetzt und nicht im Mittelalter oder in der Zukunft? Wie wäre es, wenn ich eine Katze wäre? Oder eine Fliege?

Bewusstsein. Das innere Erleben, das unsere Existenz als Person bedeutet, scheint im Kern unauflösbar mysteriös zu sein. Die bis in die Neuzeit hinein kaum bezweifelte Überzeugung, ohne die unsere christlich geprägte Kultur gar nicht denkbar ist, lautet: Denken und Fühlen sind die Zen-tren unserer Person und gehören der unsterblichen Seele an, die, im Hirn angesiedelt, den Körper regiert. Die Seele ist es, die uns ermöglicht, zu denken, zu empfinden. Doch diese so einleuchtend erscheinende Konstruktion ist auf beunruhigende Weise fragwürdig geworden. Die Ergebnisse der Neurobiologie, der Psychologie und der Theorie neuronaler Netze lassen es mittlerweile mehr als plausibel erscheinen, dass selbst unsere höchsten Geistesgaben vergängliche Fähigkeiten eines vergänglichen Gehirns sind. Was also ist das Ich? Was ist das innere Erleben? Immer noch bezeichnen diese Fragen den Mount Everest der Philosophie, das vertrackteste Rätsel der Wissenschaft. Drei Probleme sind es vor allem, die das Bewusstsein so mysteriös machen:


Noch bis vor kurzem wirkte die Geheimnishaftigkeit des Bewusstseins derart irritierend, dass es unter Wissenschaftlern als prinzipiell unbegreifbar galt, jedenfalls nicht als seriöses Thema. Doch immer mehr Forscher verlieren ihre Scheu vor dem Rätsel der Rätsel: Eine gelehrte Aufregung um das Bewusstsein hat begonnen, eine Debatte von Neurobiologen und Verhaltensforschern, Philosophen und Psychologen, Robotik-Experten und Physikern. Auch unbewältigte Grundlagenprobleme – man denke nur an die Physik - seien schließlich kein Hindernis, vernünftige Wissenschaft zu betreiben: Man kann das Bewusstsein untersuchen und darüber Theorien entwerfen wie über andere natürliche Phänomene auch.

Vor allem das seit Darwin unbestreitbare Wissen um unsere körperliche und geistige Verwandtschaft mit den Tieren zwingt uns, zu akzeptieren, dass Bewusstsein ein “natürliches Phänomen” ist. Die Evolutionslehre war, die entscheidende Wende, die die Idee der Sonderstellung des Menschen als Krone der Schöpfung ein für allemal zerstört hat: Die Kontinuität der Abstammung, die den Menschen mit der Tierwelt verband, machte es fürderhin unmöglich, seinen Geist, und geistige Phänomene überhaupt, als den abrupten Einbruch eines ontologisch fremden Prinzips an gerade diesem Punkte des gesamten Lebensstromes zu betrachten. Hatte der französische Philosoph René Descartes noch gelehrt, dass nur der Mensch eine Seele und damit Bewusstsein habe, so ist die Konsequenz der Evolutionstheorie: Auch Tiere sind in Graden Träger jener Innerlichkeit.

Der höchste Grad von tierischem Bewusstsein wird von jeher den Menschenaffen zugetraut. Diese bestehen auch den einzigen Bewusstseinstest, den viele Verhaltensforscher als aussagekräftig akzeptieren: Im Gegensatz zu allen anderen Tieren können Menschenaffen lernen, sich im Spiegel zu erkennen. Ein Schimpanse, der plötzlich begreift, dass das haarige Wesen hinter der Glasscheibe kein Kumpan, sondern er selbst ist, ändert sein ganzes Gehabe: Fasziniert in den Spiegel schauend, vollführt er etwa seltsame Zeitlupenbewegungen, gibt komische Laute von sich, schneidet Grimassen, inspiziert ihm sonst unsichtbare Körperteile. Eine Orang-Utan-Frau holte ein Salatblatt und legte es sich, eindringlich ihr Konterfei betrachtend, auf den Kopf. Bisher gehen die meisten Forscher davon aus, dass kleinere Affen wie Makaken, Paviane oder Gibbons dagegen mit ihrem Spiegelbild nichts anzufangen wissen. Als Beweis, dass Menschenaffen sich bei diesen Spielen tatsächlich selbst erkennen, gilt der “Farbtest”: Einen unbemerkt ins Gesicht gesetzten Farbfleck versuchen sie wegzuwischen, sobald sie ihn im Spiegel entdecken. Menschenkinder bestehen den Farbtest mit etwa eineinhalb bis zwei Jahren.

„Menschenaffen und Menschen besitzen als einzige Lebewesen ein Selbst-Bewusst-sein, ein Ich-Gefühl", vermuteten viele Primatenforscher und Psychologen als Konsequenz solcher Spiegelexperimente. Wenn das so ist, dann ist Selbst-Bewusst-sein evolutionär entstanden, als die Menschenaffen sich aus kleineren Affen entwickelten. Selbstbewusstsein hat sich zuerst als Körper-Bewusstheit entwickelt, die den Vorfahren der Menschenaffen ganz neuartige, bis dahin unmögliche Kletterkünste erlaubte. Dass unsere wilden Ahnen im wahrsten Sinne zum Selbst-Bewusstsein geklettert sein könnten, dämmerte Primaten-Forschern, als sie die Bewegungsweisen mehrerer Affenarten studierten und einen unerwarteten Unterschied zwischen kleinen und großen Affen entdeckten: Langschwanzmakaken und Siamangs klettern und hangeln recht schematisch durchs Geäst, mit Hilfe weniger Bewegungsautomatismen, Orang-Utans jedoch auf äußerst variable Weise, mit Phantasie, Erfindungsreichtum und meisterlicher Bewegungsintelligenz. Diese Regel scheint ganz allgemein zu gelten: Kleinere Affen bewegen sich stereotyp, Menschenaffen mit unendlicher Freiheit und Flexibilität.

Wie kommt es zu diesem eindrucksvollen Kontrast? Körper-Bewusstsein könnte die besondere Akrobatik der Menschenaffen ermöglichen! Und vielleicht ist solches Körper-Bewusstsein gar der evolutionäre Ursprung des Selbstbewusstseins überhaupt. Ohne die Fähigkeit zum bewussten Klettern hätten die Menschenaffen sich gar nicht entwickeln können. Denn für diese großen und schweren Tiere sei das Baumleben wesentlich anspruchsvoller und heikler als für ihre kleineren Vettern. So hängen beispielsweise die Enden der Äste unter dem höheren Körpergewicht sehr viel stärker durch, und vor allem das Wechseln von Baum zu Baum wird deshalb erheblich schwieriger. Für leichte Affen ein eher unbeschwertes Klettern. Hangeln und Springen wird für die Schweren zur kniffligen Artistik in einem viel brüchigeren Geäst, dessen Biegen und Schwanken sich schlechter vorhersehen lässt. Große Affen kommen deshalb mit Bewegungsstereotypien nicht mehr aus. An deren Stelle tritt ein evolutionär neuartiges psychologisches System, das Freiheit und Flexibilität möglich macht: das Selbstbewusstsein.

Diese Kletter-Hypothese stellt eine noch gar nicht sehr lange existierende, jedoch schon liebgewordene Schulmeinung in Frage: Selbstbewusstsein habe sich als Werkzeug sozialer Intelligenz der Menschenaffen entwickelt. Es sei unseren wilden Vorfahren vor allem deshalb nützlich gewesen, weil Wissen um sich selbst die Voraussetzung sei, sich auch das Innenleben anderer vorzustellen, Gefühle und Absichten von Artgenossen durchschauen zu können. Erst solche Fähigkeit macht etwa das komplexe Sozialleben der Schimpansen möglich, das eine erhebliche Gewitztheit im Umgang mit Kumpanen verlangt, listiges Taktieren, Lügen und Betrügen. Jedoch findet sich hochentwickelte soziale Klugheit auch bei Affenarten, die überhaupt nichts mit ihrem Spiegelbild anfangen können, etwa bei den Pavianen. Vermutlich ist daher soziale Intelligenz nicht an Selbstbewusstsein gebunden. Experimente deuten darauf hin, dass nicht einmal Schimpansen sich das Innenleben anderer vorstellen: Das Vermögen, sich die Psyche des Nächsten zu vergegenwärtigen, scheint sich erst bei uns Menschen entwickelt zu haben.Selbstbewusstsein bedeutet jedenfalls nicht irgendein kontemplatives Wissen um die eigene Psyche, sondern hat einen biologischen Sinn. Nicht die Innenschau eines meditativen Geistes ist der Kern des Selbstbewußtseins, er bildet sich vielmehr aus Aktivität, Handlung, Bewegung. Das Wesentliche am Ich-Gefühl ist das Wissen, Akteur in einer Szenerie zu sein, das Wissen, dass man etwas bewirken kann in der Welt.

Der 1979 verstorbene Psychologe James Gibson hat herausgearbeitet, dass schon unsere Wahrnehmung einer Szenerie keineswegs neutral ist, sondern uns direkt mitteilt, wie wir darin wirken könnten. Schon der erlebte Raum ist keineswegs der abstrakte dreidimensionale Raum der Physik, sondern auf unseren Körper und dessen Bewegungsmöglichkeiten bezogen: Es gibt oben und unten, Decke und Boden, drinnen und draußen, Hindernisse, Durchgänge. In der Steilheit eines Berges sehen wir die Mühe, ihn zu ersteigen. Unser gesamtes Erleben ist der Inhalt eines vom Gehirn zu unserem Nutzen erzeugten mentales Modell der Welt. Subjektivität, Selbstbewusstsein oder ein „Ich" entstehen, wenn in diesem Modell ein Bild unserer selbst, ein “Selbstmodell” enthalten ist. Vermutlich war das erste in der Evolution entstandene Selbstmodell das Körper-Bewusstsein unserer kletternden Vorfahren. Das menschliche Ich ist unendlich reicher: Das Wissen um unseren Charakter, unsere Geschichte und unsere Pläne, das Wissen um Gedanken, Worte und Werke all dies gehört dazu.

Der Kern auch des höchstentwickelten Selbst-Modells ist jedoch stets ein urwüchsiges, dunkles Sein-empfinden: Die intuitive Sicherheit, ein Ich zu sein, gründet nicht in abstraktem Wissen über uns selbst, sondern im Spüren des eigenen Körpers, der stets, wenn auch meist diffus, als vertraute Signalquelle präsent ist. Im Einklang mit dieser Vorstellung wird daher vermutet, dass wie bei hirnverletzten Patienten die Subjektivität von Signalen aus dem Körperinneren und damit in biologischen Basisprozessen verankert ist. Obwohl die Verhaltensexperimente raffinierter und die Diskussionen differenzierter werden, ist bislang schwer zu sagen, welche nichtmenschlichen Lebewesen außer den Menschenaffen bereits Aspekte eines Ich-Bewusstseins, vielleicht gar verbunden mit einem gewissen Einfühlungsvermögen, entwickelt haben. Weiß eine Katze, die sich spielerisch versteckt, dass sie damit für die Gefährtin unsichtbar wird? Wird ein Hund vom Kummer eines Menschen bewegt, weil er weiß, dass dieser traurig ist?

Noch schwieriger wird es, will man etwas über das Innenleben von Tieren erfahren, die vielleicht nur ein rudimentäres oder überhaupt kein Ich-Bewusstsein haben. In welchen Wesen zum ersten Mal in der Naturgeschichte so etwas wie inneres Erleben dämmerte, darüber wagen Forscher keine Vermutung, auch wenn man sich gut vorstellen kann, dass etwa eine Maus einen Orgasmus empfindet. Sicher ist jedoch: Bewusstsein begann mit dem Empfindungsvermögen Lust und Schmerz. Denn als unbewertetes Wissen oder gleichgültiges Daseinsgefühl wäre Bewusstsein biologisch sinnlos: Es würde kein Wesen dazu bewegen, das momentane Erleben entweder zu erhalten oder zu verändern. Schon das primitivste Bewusstsein ist nicht nur dumpfes Empfinden, sondern beinhaltet höherstufige Erkenntnis. Einen Schmerz zu spüren bedeutet, um ihn zu wissen. Und dieses Wissen wäre biologisch sinnlos, wenn es nicht eingebettet wäre in eine gewisse Einsicht in die Situation und in Möglichkeiten, sie zu verändern. Es ist also offenbar verfehlt, sich den evolutionären Ursprung des inneren Erlebens nur als eine Art neutrales Seinsgefühl vorzustellen. Von Anfang an war das Bewusstsein verbunden mit Empfindungen von “angenehm und unangenehm”, mit Bedürfnissen und entsprechenden Aktivitäten. Ist also nicht “ich bin”, sondern "ich will” und “ich handele” die Essenz des Bewusstseins? Manche Hirnforscher sind gar überzeugt davon, dass das primitivste wie das höchstentwickelte Bewusstsein unmittelbar mit körperlicher Bewegung zu tun hat: Wir sind nicht passive Beobachter, die auf zufällige Eindrücke reagieren, sondern verschaffen uns genau die Information, die wir für die Planung der nächsten Bewegung brauchen. Bewusstseinsinhalte sind in jedem Augenblick die Folge tatsächlicher oder simulierter Bewegungen und beeinflussen wiederum die Auswahl des nächsten Bewegungsstücks.

Einige Psychologen sind schon länger davon überzeugt, dass nicht einmal scheinbar simple Wahrnehmungen passiv sind: Ein Gesicht müssen wir mit Blicken abtasten, wobei jede Moment-Wahrnehmung die Planungsgrundlage der nächsten Augenbewegung ist. Ein Haus erforschen wir, indem wir darin herumgehen. Auch ein unvermuteter Knall geschieht uns nicht nur: Bevor er uns bewusst wird, drehen wir vielleicht schon reflexartig den Kopf, und wenn wir ihn dann bewusst hören, entscheiden wir uns für eine von vielen möglichen Reaktionen, selbst Nichtbeachtung wäre die Folge einer solchen Entscheidung. Alles, was bewusst ist, hat diesen engen Bezug zu Bewegung und Aktivität: Auch bewusstes Denken schreitet fort durch die Simulation von Muskelbewegungen!

Es gibt offenbar nur ganz wenige geistige Prozesse wie etwa “Muster-Ergänzung”, die nicht unmittelbar an tatsächliche oder simulierte Bewegungen gekoppelt sind. Die Sensomotorik ist auch weiterhin, nämlich für das sogenannte abstrakte Denken, wichtig: Um als Erwachsene sensomotorisch denken zu können, basteln wir uns die Welt entsprechend zurecht; Gegenstände und deren Anordnung helfen uns durchs Leben. Wir binden abstrakte Inhalte an materielle Symbole und können deshalb mit Büchern, Notizen und Skizzen arbeiten. Wir machen gewissermaßen die Welt klug, so dass wir in Frieden dumm bleiben dürfen. Auch besonders anspruchsvolles Denken beruht dem schrittweisen Manipulationen in diesem “Körper-Welt-System”, auf dem Herumschieben, Ersetzen, Verformen und Kombinieren von geeignet “vorgefertigten” Gegenständen oder auf der geistigen Simulation solcher Bewegungen. Die Konsequenz aus solchen Überlegungen wäre, dass Bewusstsein durch Gehirnstrukturen ermöglicht wird, die an der Bewegungsmotivierung bzw. -planung beteiligt sind, nämlich durch Teile des Limbischen Systems und durch gewisse, für Handlungsentwürfe zuständige Areale der Hirnrinde. Diese Strukturen steuern die “exekutive Aufmerksamkeit” und lassen solche mentalen Inhalte bewusst werden, die einen Beitrag zur kreativen Bewegungsplanung liefern können. Die Einheit der Bewegung ist es, die für Einheit und Zusammenhang des Bewusstseins sorgt. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Denken und Sprache, Wahrnehmung und Gedächtnis ebenso wie unsere Gefühle zumindest im Prinzip als Hirnaktivität erklärt werden können.

Neben der Evolutionslehre lassen vor allem derartige wissenschaftliche Erfolge das Bewusstsein immer deutlicher als biologisches Phänomen erscheinen: Der Informationen verarbeitende Apparat namens Gehirn erzeugt irgendwie das Licht des inneren Erlebens, eingebettet in einen Kosmos dunkler, unbewusst bleibender Aktivität. Bewusstsein scheint ins Spiel zu kommen, wenn automatische Aktionsschemata allein nicht mehr ausreichen, wenn das Verhalten offener und kreativer werden muss. Zwar können wir auch komplexe Tätigkeiten wie Kaffee kochen, Wäsche aufhängen oder gar Autofahren zumindest zeitweise ohne Beteiligung des Bewusstseins betreiben. Sowie jedoch der automatische Ablauf stockt, die Situation knifflig oder brenzlig wird, ist die volle Aufmerksamkeit wieder da. Wir schauen “bewusster”, wenn wir ein Bild nicht nur schematisch und oberflächlich, sondern detailliert und intensiver betrachten wollen, aufgeschlossen für neue Erfahrungen. Bewusstsein könnte eine Markierung sein, mit der das Gehirn mentale Inhalte hervorhebt und zwar genau jene, die nicht automatisiertes, sondern neues, komplexes Verhalten steuern. Hierbei werden Nerven in der Großhirnrinde neu verknüpft. Doch bei alldem bleibt die hartnäckige Frage offen: Warum erleben wir das alles? Wie entsteht etwa aus der Begegnung von Luftschwingungen mit der Maschinerie des Ohres und Gehirns das Faszinosum Sinfonie? Wie kann aus neuronaler Aktivität Verliebtheit oder Wut entspringen? Geschieht hier nicht etwas unfasslich Mysteriöses, die Verwandlung von materiellen Prozessen in Geist? Die Frage, wieso wir unsere Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen erleben, ist das “hard problem” am Forschungsgegenstand Bewusstsein, im Unterschied zu den “easy problems”, die im Rahmen normaler Wissenschaft lösbar zu sein scheinen - wie etwa die Frage, welche biologischen Vorteile die Ausbildung eines Ich haben könnte. Manche Forscher proklamieren, eine Lösung des “hard problem”, ein Verstehen etwa der Blauheit von Blau oder der Schmerzhaftigkeit von Schmerz, erfordere die Entdeckung fundamentaler Zusammenhänge in der Physik, eine wissenschaftliche Revolution vergleichbar der Entwicklung der Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik.

Doch während die einen angesichts der Vertracktheit des Problems intellektuell verzweifeln, verkünden andere, es gebe diese Vertracktheit gar nicht. Im Prinzip sei das scheinbare Rätsel längst gelöst und könne mehr oder weniger abgehakt werden. Bewusstsein gehört zu gewissen Gehirnzuständen wie Gravitation zur Materie. Körper ziehen einander an, und Gehirne sind manchmal bewusst. Beides sollte man einfach als gegeben akzeptieren. Andere betrachten diese Einstellung jedoch als nichts anderes als die Entscheidung, das Nachdenken zu beenden. Dagegen erscheint es manchen Forschern einfach nicht sinnvoll, sich das Hirn darüber zu zermartern, warum es denn die Gravitation oder das Bewusstsein gibt. Wissenschaftlich sinnvoll wäre nur die Frage, wie beide funktionieren, welche Gesetze die Phänomene verbinden. Fürs erste können Forscher ohnehin nichts anderes versuchen, als möglichst eindeutig und klar jene Hirnprozesse zu identifizieren und zu charakterisieren, die von Bewusstsein begleitet sind. Zumindest bei den Menschen ist bewusstes Denken an die Aktivität der Hirnrinde gebunden, und zwar besonders an die der “assoziativen Areale”. Die Variabilität des Erlebens und die Unterschiedlichkeit der Bewusstseinszustände spiegeln sich in der gewaltigen Dynamik und Flexibilität der Hirnrindentätigkeit wider. Es könnten Verbände stark miteinander verkoppelter Neuronen in der Hirnrinde sein, deren Aktivität unserem Erleben zugrunde liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Verbände “gezündet”, vielleicht auch spontan neu geschaffen werden, erhöht sich mit der Aktivierung der Hirnrinde. Je mehr von diesen Zell-Ensembles in einem bestimmten Zeitabschnitt aktiviert werden, desto höher ist die Zahl der gleichzeitig verfügbaren mentalen Inhalte. Und desto komplexer und höherstufiger können geistige Prozesse sein.

Bewusstsein scheint jedenfalls offenes und kreatives Verhalten jenseits angeborener oder erlernter Schemata zu ermöglichen. Solche Flexibilität verlangt dem Gehirn einiges ab. Denn die Offenheit darf nicht zur Beliebigkeit führen, sondern muss so gebändigt und kontrolliert werden, dass eine “Ganzheit von Ziel und Aktion” erhalten bleibt: Um Bewegungen frei entwerfen zu können, muss ein Tier auch deren Konsequenzen vorhersagen und bewerten können. Es muss bemerken, ob es sich seinem Ziel genähert hat oder nicht. Das heißt: Das Tier muss Wissen über die Vergangenheit in seine Pläne integrieren. Und es muss aktiv nach neuen Erfahrungen suchen und aus vergangenem Verhalten lernen können. Ohne all diese Fähigkeiten kann sich das Bewusstsein nicht entwickeln.

Das große Ziel der Neurobiologie ist letztlich die Deutung unserer gesamten bewussten und unbewussten Geistestätigkeit als Hirnaktivität. Doch wenn die Wissenschaft tatsächlich dieses Ziel erreichen sollte, wird womöglich erst die ganze Verzwicktheit des Bewusstseins-Problems offenbar werden: Angenommen, unser Verhalten ließe sich restlos als Resultat neuronaler Prozesse erklären. Dann bliebe für das Bewusstsein weder Platz noch Aufgabe! Es hätte dann keinen Sinn, dass wir bestimmte neuronale Prozesse als Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle erleben. Auf die Spitze getrieben würde dieser Gedanke bedeuten: Unser Dasein könnte ebensogut völlig unbewusst ablaufen. Und ein derart unbewusster Mensch ohne innere Erlebnisse, ein Zombie wäre von außen nicht unterscheidbar von einem mit Bewußtsein! Dieses Gedankenexperiment ist sehr beunruhigend und unglaublich vertrackt: Denn einerseits sind zumindest viele Naturwissenschaftler davon überzeugt, dass materielle Vorgänge zur Erklärung unseres Verhaltens ausreichen. Andererseits rebelliert schon der Alltagsverstand gegen die Vorstellung, dass unser Bewusstsein für die Deutung unseres Lebens unerheblich sei, dass wir ebensogut unbewusst existieren könnten. Das Gebot “liebe deinen Nächsten” wäre sinnlos, wenn der Nächste nicht empfinden könnte.

Das Zombie-Problem ist auch logisch zum Verrückt-werden. Stellen wir uns einmal vor, so ein Zombie hat Zahnschmerzen. Daraus, dass er seiner nicht bewusst ist, folgt: Er spürt die Schmerzen nicht. Und daraus, dass sein Geistesleben zwar unbewusst, aber ansonsten mit unserem identisch ist, folgt: Er muss überzeugt sein, den Schmerz zu spüren. Die paradoxe Pointe: Ein Zombie ohne Bewusstsein würde sich selbst für ein bewusstes Wesen halten! Das Zombie-Problem führt direkt in die logischen Abgründe des berühmten Leib-Seele-Problems, das von den Denkern seit Descartes zergrübelt worden ist wie kaum eine andere philosophische Frage. In der ursprünglichen, von dem französischen Philosophen hinterlassenen Form lautet dieses Rätsel: Wie können Seele und Körper aufeinander wirken? Wenn die Seele als geistige Substanz immateriell und damit per definitionem nicht-physikalisch ist, wie kann sie dann die physikalische Energie aufbringen, die erforderlich ist, um etwa einen Arm zu heben

Die Vorstellung, dass unser Innenleben nicht einer unsterblichen Seele zu verdanken, sondern ein biologisches Phänomen ist, entschärft das Leib-Seele-Problem keineswegs: Wenn das Bewusstsein einen Sinn hat, dann muss es auch etwas bewirken. Schon intuitiv scheint uns unser Innenleben derart unterschiedlich von allen stofflichen Vorgängen zu sein, dass niemand bis heute begreift, mit Hilfe welcher Mechanismen die Psyche den Körper beeinflussen könnte und umgekehrt. Vielleicht ist die Frage ja auch falsch gestellt. Vielleicht hat ja der “Innenaspekt” unseres Seelenlebens in Wirklichkeit keine direkte physikalische Wirkung, sondern ist eine “Weise des Wissens”. Eine Theorie des Bewusstseins muss keineswegs die Verwandlung von Materie in Geist und zurück erklären, da die subjektive Anmutung - als Art und Weise des Wissens, die nur der erlebenden Person zugänglich ist nicht gebraucht wird, um die Konsequenzen des Bewusstseins zu erklären. Auf der Basis dieser Idee würde sich das zentrale Rätsel des vertrackten Leib-Seele-Problems sich also gar nicht erst stellen. Allerdings: Selbst eine vollständige wissenschaftliche Deutung des Bewusstseins würde die Rätselhaftigkeit, die darin liegt, jemand zu sein, nicht beseitigen.

Ich selbst habe das Staunen über meine eigene Existenz nicht verlernt: Dass ich ich bin, das ist doch das Seltsamste überhaupt! Wie ist es möglich, dass es unter all den vielen Menschen mich nicht nur gibt, sondern dass ich dieser Typ selbst bin? Die seltsame Tatsache, dass ich ich bin, kommt in keiner objektiven Weltbeschreibung vor, und keine denkbare Theorie könnte es mir erklären. Und das ist das letztlich Verrückte am Problem des Bewusstseins: Von außen gesehen ist es selbstverständlich, dass ich ich bin, von innen gesehen erscheint es als abgründig und geheimnisvoll. Das Kardinalproblem ist die Subjektivität, die Erste-Person-Perspektive, die mit dem Bewusstsein verbunden ist. Rein physikalisch lassen sich weder im Gehirn noch sonstwo im Kosmos Punkte finden, die sich als Zentren vor anderen auszeichnen ließen. Wie ist es trotzdem möglich, dass Subjekte existieren, die sich selbst als Zentrum einer perspektivisch erlebten Welt begreifen? In der physikalischen Welt gibt es nichts als naturgesetzliche Dynamik und sich fortspinnende Wirkungsketten. Wie ist es da möglich, dass man sich als selbstbestimmt Handelnden erleben und begreifen kann, als autonomes und freies Ich? Die Illusion der Unabhängigkeit beruht darauf, dass mir die Hirnprozesse verborgen bleiben, die in Wahrheit mein Erleben aufbauen und meine Handlungen verursachen. Das scheinbar autonome Ich entsteht, weil das Gehirn Gedanken, Worte und Werke dem Selbstmodell zuschreibt und dabei nicht bemerkt, dass dieses Selbstmodell seinerseits nur ein geistiges Konstrukt ist, ein gedankliches Modell eben. Wir verwechseln uns nur mit diesem Ich. Wir glauben fälschlich, wir seien der Inhalt dieses Selbstmodells. Durch diesen “Zaubertrick”, durch diese Selbsttäuschung des Gehirns erzeugt die Natur Subjekte. Weil das Gehirn, das da verwechselt, selbst kein Ich ist, lassen sich seltsame, schockierende Sätze formulieren: “In Wahrheit bin ich Niemand, kein Ich oder Selbst”. Oder: “Das Ich ist eine Illusion, die niemandes Illusion ist.” Oder. “Es gibt Gedanken, aber keinen Denker.”

Einst hielt René Descartes die Einsicht “Ich denke, also bin ich" für die gewisseste aller Erkenntnisse”. Seine Argumentation: Wenn es bewusste Wahrnehmungen und Gedanken gibt, dann muss es auch jemanden geben, der diese Erlebnisse hat, die denkende Substanz namens Seele. Doch diese Erkenntnis ist ein grandioser Fehlschluss: Das Ich denkt nicht, sondern es wird gedacht, es ist selbst nur ein Modell ist, das vom Gehirn benutzt wird. Aus dieser Argumentation lässt sich auch ableiten, dass es nicht der subjektiv empfundene Wille ist, der unser Handeln verursacht. Wirken können nur physikalische Prozesse, seien sie nun von einem Gefühl des Willens begleitet oder nicht. Nur: Es entgeht uns ein großer Teil der Selbstorganisationsprozesse des Gehirns, die das Handeln verursachen. Das Gehirn aber versteht es, sich selbst Geschichten zu erzählen, die uns Autonomie und Rationalität unserer Entscheidungen vorgaukeln. Bei Bedarf erfindet es Märchen, die es dann auch glaubt. Die Neigung des Gehirns, sich selbst etwas vorzumachen, wenn es die Wahrheit nicht kennt, kann etwa auch Psychoanalyse-Patienten dazu bringen, sich an traumatische Kindheitserlebnisse zu “erinnern”, die in Wirklichkeit niemals stattgefunden haben. Wir sind gefangen in unseren Erzählungen: Mein Ich wohnt in meinem Fabulieren und Phantasieren, in einem Gespinst von Geschichten. Man könnte daraus schließen, dass wir Menschen letztlich blinde, deterministische Automaten sind, rettungslos verstrickt in unsere Selbsttäuschungen. Es gibt Denker, die den Schluß gezogen haben, etwa unsere Willensfreiheit sei eine bloße Illusion. Doch dann könnten wir einem Menschen nicht widersprechen, der uns mitteilt, er müsse uns jetzt ermorden, und daran könne er nichts ändern, da er ja naturgesetzlich determiniert sei.

Es liegt auf der Hand, dass menschliches Leben so nicht funktionieren kann. Wir brauchen die allseitige Akzeptanz, dass wir für unsere Handlungen verantwortlich sind. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Freiheit sei gleichbedeutend mit Unabhängigkeit von den Naturgesetzen, und da jeder von diesen beherrscht werde, könne es Freiheit nicht geben. Tatsächlich ist es kein Widerspruch, dass Bewusstsein ein bloßes biologisches Phänomen sein kann, trotzdem aber die Auflösung starrer Handlungsschemata in Offenheit, Flexibilität und Kreativität ermöglicht.

Unsere Absichten sehen prinzipiell zur Disposition. Handlungsflüsse und Gedanken können in neue Richtungen gelenkt gelenkt oder abgebrochen und vergangene Handlungen bereut werden. Genau in diesem Sinne sind Entscheidungen frei, ohne dass dazu die Naturgesetze durchbrochen werden müssten. Unsere Überzeugung, frei zu sein, erzeugt wiederum das, was wir Verantwortung nennen. Das Mysterium Bewusstsein ist keineswegs gelöst. Immerhin werden Umrisse möglicher Lösungen sichtbar. Kaum noch zu bezweifeln ist, dass es mit unseren Körpern vergeht: Je mehr wir über das Bewusstsein lernen, desto deutlicher müssen wir wohl unsere radikale Sterblichkeit erkennen. Doch streng bewiesen ist auch die nicht, was ein Türchen für die Idee von der unvergänglichen Seele offen hält: “Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe”, klagt Hiob im Alten Testament. Unser Dasein als fühlende und denkende Wesen erscheint uns fragwürdig, ewig zwiespältig. “Was soll all der Schmerz und Lust?” seufzt Goethe in seinem Gedicht “Wandrers Nachtlied” und lässt doch im “Faust” den Türmer die Bilanz ziehen: “Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn, es sei wie es wolle, es war doch so schön!”