Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Ästhetik: Philosophie der Kunst, des Schönen und der Wahrnehmung

Der Begriff Ästhetik geht auf das griechische Wort (aisthesis) für Wahrnehmung, Empfindung und Verstehen zurück. Er hat sich als Titel für die Analyse einer besonderen Variante des menschlichen Wahrnehmens und ihrer bevorzugten Objekte und Gelegenheiten eingebürgert. Zu diesen zählen nicht allein die Werke der Kunst, sondern auch unzählige Hervorbringungen der Natur, der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen und Landschaften jedweder Art. Ästhetische Anschauung ist weder eine exklusive Dimension noch ein isolierter Bereich des menschlichen Bewusstseins; sie ist eine seiner ständig naheliegenden und häufig präsenten Gestalten. Ihr elementarer Vollzug hat die Form einer ungezügelten Wahrnehmung-wie, einer sinnlichen oder sinnengeleitenen Aufmerksamkeit dafür, wie etwas sich jeweils hier und jetzt simultan und sukzessiv in der Fülle seines Erscheinens darbietet. Was es damit auf sich hat, lässt sich nur im Kontrast zu den Vollzügen einer Wahrnehmung-dass aufklären: einer ebenfalls sinnlichen oder sinnengeleiteten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, begrifflich festzustellen und festzuhalten, was im Bezug auf jeweilige Gegebenheiten in einer bestimmten Hinsicht Sache ist.

Seit Platons Theaitet hat die Philosophie zum Verhältnis von Wahrnehmung und begrifflicher Erkenntnis vielerlei miteinander konkurrierende Vorschläge gemacht. Selbst wenn es hierüber zu einer Einigkeit käme, wäre ein zureichender Begriff der spezifisch menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit noch lange nicht erreicht. Denn durch ihre besondere Disposition übersteigt und unterläuft die ästhetische Wahrnehmung alle Möglichkeiten einer begrifflichen Fixierung des ihr Gegebenen, so sehr sie ihrerseits das Vermögen der propositionalen Erkenntnis zur Voraussetzung hat. Mit anderen Worten: Wir verstehen – oder verstünden – nicht, was Wahrnehmung ist, wenn wir nicht zugleich verstehen – oder verstünden – was ästhetische Wahrnehmung ausmacht.

Das Aufgabengebiet der philosophischen Ästhetik lässt sich auf verschiedenen Ebenen gliedern: Neben der Ästhetik der Kunst steht die der Natur; innerhalb der Kunst-Ästhetik sind zu unterscheiden: Produktions-, Werk- und Rezeptionsästhetik. Kant unterscheidet in der »Kritik der (ästhetischen) Urteilskraft« eine Genie-Lehre von einer Geschmackslehre. Während die Geschmackslehre die Beurteilung des Schönen zum Thema hat, geht es bei der Lehre vom Genie um die Prinzipien der Hervorbringung des Schönen. Zum Geschmack gehört die Fähigkeit, an schönen Gegenständen ein »interesseloses Wohlgefallen« zu entwickeln; zum Genie dagegen gehört »Geist« als die Fähigkeit, das »Gemüt« durch ästhetische Ideen zu beleben.

Für Hegel hat es die philosophische Ästhetik nur mit dem Kunstschönen zu tun, und zwar insbesondere mit dessen Beziehung zum Absoluten. Das Schöne wird daher bei Hegel thematisch als das »sinnliche Scheinen der Idee«. Das für die philosophische Ästhetik relevanteste Problem ist traditionell die Frage nach der Beziehung zwischen dem Schönen und der Wahrheit. Kants Lehre von der Autonomie des Schönen und von der ästhetischen Idee als Pendant zur Vernunftidee trennt das Erleben des Schönen systematisch von dem an wissenschaftliche Strenge gebundenen Erkennen. Für das idealistische Denken Hegels ist dagegen charakteristisch, dass ihm das Schöne gerade nur insoweit bedeutsam erscheint, als in ihm das Wahre in sinnlicher Gestalt zugänglich wird.

In der Kunstphilosophie des von Hegel beeinflussten Th. W. Adorno wird der Kunst ebenfalls ein besonderer Bezug zur Wahrheit zugesprochen: Kunst ist für Adorno ihrem Grundzuge nach Gesellschaftskritik, und ihre Wahrheit ist die Wahrheit der Utopie. Die schöpferische Kraft der künstlerischen Phantasie ist daher gebunden. Sie verwirklicht sich im Entwurf von Alternativen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. In der Ästhetik der Moderne und Postmoderne hat die Wahrheitsfrage im Allgemeinen jedoch schrittweise an Bedeutung verloren. An ihre Stelle ist mit der wachsenden Dominanz des Historismus und Relativismus im Wesentlichen die Vorstellung getreten, im schönen Kunstgegenstand drücke ein Individuum sich selber, seine spezifische Sicht der Welt, seine besonderen, an seine eigene Existenz gebundenen Werte aus. Der hierfür geltende Wahrheitsbegriff ist der einer streng subjektiv zu verstehenden Wahrheit: Kunst gilt in diesem Sinne im Gegensatz zur Wissenschaft als persönlich. Sie ist eher Ausdruck individueller Erfahrungen und Zustände, Hoffnungen und Wünsche als Darstellung überindividueller Wirklichkeit.