Die Erkenntnistheorie – Vereinigung von Rationalismus und Empirismus
Die Erkenntnistheorie (auch Epistemologie) ist eine zentrale philosophische Grundrichtung, die sich fundamental mit der Frage nach dem Wesen, den Ursprüngen, den Grenzen und der Rechtfertigung von Wissen und Erkenntnis beschäftigt, also wie wir Wirklichkeit erkennen, was Gewissheit bedeutet und ob menschliches Wissen überhaupt möglich ist. Sie untersucht die Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt und bildet damit einen Hauptbereich der theoretischen Philosophie neben Metaphysik und Logik. Erkenntnistheorie folgt der Kantschen Frage "Was kann ich wissen?". Sie fragt also nach den Wegen, auf denen wir Wirklichkeit erkennen können.
Wie kann Wissen oder Erkenntnis erlangt werden?
Traditionell hat man die Erkenntnis-Erlangung in zwei Kategorien unterteilt. Zum einen kann man durch seine Sinne oder Erfahrung Erkenntnis erlangen. So weiss ich, dass es Mittag ist, weil die Sonne im Zenit steht und kaum Schatten wirft. Diese Richtung nennt man Empirismus (Locke, Hume). Rationalisten hingegen sind der Ansicht, dass es Wissen geben kann, ohne dass man mit der Außenwelt interagiert, also aus dem bloßen Denken heraus (Descartes, Spinoza, Leibniz). So ist die Zahl -2 nicht etwas, das ich in der Natur beobachten kann. Diese Gegenüberstellung der zwei Strömungen gibt es seit dem 18. Jhd. und wird heutzutage von einigen Philosophie-Historikern kritisiert.
Ist da wirklich ein Apfel auf dem Tisch?
Neben der Art und Weise, wie Wissen erlangt werden kann (aus Erfahrung oder Schlussfolgerungen), kann ebenfalls nach der Natur von Wissen gefragt werden. Was heißt es, wenn wir sagen, dass wir etwas wissen? Wann können wir uns sicher sein, dass unsere Annahme gesichertes Wissen ist? Im täglichen Leben hinterfragen wir selten, ob der rote Apfel auf unserem Tisch wirklich existiert und ob er wirklich rot ist. Es könnte aber sein, dass der Apfel gar nicht rot ist und ich ihn bloß als rot wahrnehme. Es könnte ebenfalls sein, dass weder der Apfel noch der Tisch existieren und ich kein gesichertes Wissen über die Außenwelt bilden kann (Skeptizismus).
Wie wird Meinung oder Glaube zu Wissen?
Für einige Zeit wurde angenommen, dass wahre, gerechtfertigte Meinung (justified true belief) Wissen konstituiert. Angenommen, ich spaziere durch den Park und glaube, dass am Ende des Parks ein Hund schläft. Es könnte aufgrund der Distanz aber auch eine Katze sein. Nun laufe ich hin und sehe, dass es tatsächlich ein Hund ist. Durch das Überprüfen wurde meine Meinung gerechtfertigt (justified true belief) und ich weiss nun, dass da ein Hund schläft. Zuvor hätte meine Meinung zwar gestimmt, aber es war kein gesichertes Wissen. Wissen scheint also nicht bloß objektive Fakten zu sein (ob etwas wahr oder falsch in der Welt ist), sondern auch, wie ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin und ob ich sie überprüft habe.
Wissen gleichzusetzen mit wahrer, gerechtfertigter Meinung?
Ist Wissen also synonym mit wahrer, gerechtfertigter Meinung (justified true belief)? Das berühmte Gedankenexperiment von Edmund Gettier hinterfragt dies. Nehmen wir an, dass eine Uhr auf dem Markplatz, welche gut gewartet wird und sonst immer die richtige Zeit anzeigt, um 11:56 Uhr am Abend stehen bleibt. Auf dem Weg zur Arbeit schaue ich kurz auf die Uhr und glaube, dass es 11:56 Uhr ist. Da exakt 12 Stunden vergangen sind, ist es tatsächlich 11:56 mittags. Ich habe also eine wahre, gerechtfertigte Meinung: es ist 11:56 Uhr und ich habe es überprüft. Es gibt keinen Grund für mich anzunehmen, dass die Uhr falsch läuft, da die Uhr sonst funktioniert und es Mittagszeit ist. Aber dies kann kein Wissen sein, da ich den gleichen, aber falschen Glauben entwickelt hätte, wenn ich etwas früher oder später an der Uhr vorbeigelaufen wäre. Um das Gettier-Problem zu umgehen, müssen wir entweder zeigen, dass alle wahren, gerechtfertigten Meinungen Wissen bilden – und es im Beispiel eben keine wahre, gerechtfertigte Meinung war – oder unsere Auffassung von Wissen verfeinern.