Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Philosophische Betrachtungen über das Leben und den Tod

Wir leben in einer flüchtigen Gegenwart und tragen die Folgen des vergangenen Lebensweges ins Nachher. Was aber ist das Jetzt? Kaum ausgesprochen, ist es Vergangenheit, aber noch keine Zukunft. Schneller als Licht rast es weiter und nimmt uns mit – meinen wir. In Wahrheit ist das Jetzt immer das selbe. Was sich bewegt, sind äußere und innere Veränderungen. Unser, mit dem Jetzt verbundene Leben, lässt uns an der Ewigkeit teilhaben. Allerdings, unsere naturgegebene empirische Denkweise hat damit ein Problem. Nämlich, das Vorhin erscheint uns im Vergleich zum Jetzt bereits als tot. In Wirklichkeit aber enthält das Vorhin die gespeicherten Spuren aus unserem ganzen Lebensweg. Permanent bringt es sie ins Jetzt. An allen gegenwärtigen Aktionen sind diese Spuren beteiligt und wirken aus dem Jetzt in die Zukunft hinein. So gesehen ist das Jetzt ein zeitloser Scheidepunkt – eine ewig ruhende Position im ewigen Fluss der Veränderungen. Paradox bei dieser Sache ist: Das absolut statische Jetzt ist deckungsgleich mit unserem momentanen Lebensgefühl. Absolut Statisches aber ist absolut tot. Wie kann das Leben mit dem absoluten Tod vereint sein? Unmöglich, sagt der Verstand. Denn, obgleich wir mit irdischem Verfallsdatum leben, kann es den Tod, als Absolutheit, nicht geben, nur als relativer Tod ist er möglich. So kann unser Tod aber kein wirklicher Tod sein. Er kann nur die Auflösung unserer Form sein. Aus ihrer Substanz und den Daten unseres Wesens wird dann eine andere Form oder viele andere Formen. Daraus folgt: Unser Leben ist relativiertes Sein, und der gefürchtete Tod ist materielle Täuschung. Fazit: Das Jetzt ist die elementare Vereinigung des ewigen Lebens mit dem ewig relativen Tod.

Der Tod war schon immer ein Ärgernis. Dennoch erschien er, insbesondere in alten Zeiten, nicht sinnlos. Man war der Meinung, dass es danach irgendwie weitergeht. Seit der Säkularisierung wird der Tod nicht nur als ärgerliches Ereignis, sondern auch als sinnfreies Walten der Natur gesehen. Das neue wissenschaftliche Weltbild legt jedoch nahe, das Mysterium des Todes zu überdenken. Alle sieben Jahre erneuert sich der menschliche Körper. Alle Zellen sind dann gegen neue ausgetauscht. Das Bewusstsein merkt davon nichts; spätestens, wenn der Körper vor dem Aus steht, und alle Zellen zu zerfallen beginnen, merkt das Bewusstsein etwas von seiner Abhängigkeit. Dass mit dem Verlust aller Zellen alles aus sein soll, kann, besonders heute im digitalen Zeitalter, angezweifelt werden. Alle Daten des menschlichen Wesens, des körperlichen, des geistigen und des seelischen, hinterlassen Spuren, die sich quantenphysikalisch speichern lassen (Datenträger). Das ist eine gewaltige Datenmenge. Zum Vergleich: Alle Daten, die täglich durch das World Wide Web fließen, wiegen zusammen ein 14-milliardstel Kilogramm. Selbst ein Sandkorn von nur 0,063 Millimeter Durchmesser bringt mehr auf die Waage. Das Wesen des Menschen also könnte theoretisch ohne Qualitätsverlust ins Unsichtbare und fast Körperlose minimiert sein, ohne die Lebenskraft zu verlieren. Niemand kann also mit Gewissheit damit rechnen, dass nach seinem Ableben alle Lebensdaten gelöscht sind. Es könnte aber durchaus sein, dass die universale Realität die Daten in „Wahr“ und „Unwahr“ beziehungsweise in realistisch und unrealistisch trennt, wobei das Unrealistische sich selbst löscht. Aus dem, was dann noch übrig bleibt, könnte ein neuer Mensch werden, im Sinne einer holometabolen Metamorphose, wie bei Schmetterlingen: neue Gestalt bei gleichen Funktionen. Möglicherweise für ein Leben in einem anderen Bereich des Seins. Dieser These steht allerdings unser konventionelles Weltbild im Weg.

Endloses Leben kann sich niemand vorstellen. Dennoch sind der Gedanke und der Wunsch nach ewigem Leben so alt wie die Menschheit. Der Verstand, der von der Erfahrung lebt, sagt nein zum ewigen Leben. Die Vernunft hingegen, die von den Gesetzen der Natur und vom universalen Sein getragen wird, empfindet zwar die Wahrheit, gibt uns aber auf die Frage nach dem ewigen Leben keine klare Antwort. Aus dem Blickwinkel der jüngeren Geschichte betrachtet, hielt sich vor der Aufklärung die Vernunft an den göttlichen Logos (dem Wissen vom Ganzen). Der Verstand war dem Logos (der Vernunft) untergeordnet. Bei dieser Einstellung hatte die Hoffnung auf ewiges Leben Platz. Mit der Aufklärung verabschiedete sich der Verstand allmählich vom Logos und wandte sich der berechnenden Ratio zu. Seither sieht sich der Verstand in den Grenzen des materiellen Kosmos gefangen. Er bewegt sich nun zwischen dem Urknall und den Grenzen der Materie, wie in einem tür- und fensterlosen Raum. In diesem ist kein Himmel, kein Gott und keine Aussicht auf ewiges Leben, nur Naturgesetze gibt es da. Aus denen lässt sich fast alles machen, auch Ersatzgötter und diverse Scheinwelten.

Weil Leben potenziell im Universum drin ist und es deshalb den absoluten Tod gar nicht geben kann, ist der rationale Verstand im Konflikt mit der Tatsache, dass er ewiges Leben zwar denken kann, zugleich aber auch sehen muss, dass menschliches Leben dem Tod ausgeliefert ist. In seiner Erkenntnisnot neigt der geschichtlich aufgeklärte Verstand zu Nietzsches These vom Tod Gottes und träumt vom Übermenschen. Weil aber bei dieser Einstellung dem Rätsel des Lebens nicht beizukommen ist, und der Logos keine Ruhe gibt, hat der „gestorbene Gott“ die Chance, in anderer Gestalt wieder in die Welt zu kommen, entweder als Synonym für die Urkraft der Natur oder als geheime Geistes- und Lebenskraft außerhalb der sichtbaren Welt. Daneben gibt es noch immer das personifizierte Bild vom guten Gott, der dem Teufel, als Verursacher von allem Schlechten, gegenübersteht. Die Vernunft indes weist deutlich darauf hin, dass es ohne aktive Gegensätzlichkeiten keine Dynamik gäbe. Das bekräftigt auch einer der Kernsätze der christlichen Lehre, der da lautet: „Liebt eure Feinde”.

Der Stand der Wissenschaft liefert reichlich Stoff für diverse Weltmodelle. Die beste Theorie aber kann nicht überzeugen, wenn das Leben und der Tod nicht mit dem Schöpfungsgedanken kompatibel sind. Hier liegt das eigentliche Problem unserer Zeit. Wir haben, trotz der großartigen wissenschaftlichen und technischen Erfolge, ein Weltbild, das aus dem Altertum stammt. Es reicht vom niedersten Zustand der Materie bis in die höchsten Sphären des Universums beziehungsweise des Himmels. Unten ist das Kleinste, oben das Größte. Das Kleinste ist das Unteilbare (das Atom bei Demokrit, ein theoretisches Energiefeld in der modernen Physik). Das Größte hingegen ist hier wie dort die abstrakte Ganzheit des Seins. In der Antike war es der oberste Gott; im Zeitalter des allgemeinen Monotheismus war es der konkurrenzlose Allvater; seit der Moderne ist es das absolute Alles in den Gleichungen der theoretischen Physik.

Unabhängig davon, wie man das Größte nennt, sind die Extreme des Seins letztlich wesensgleich, denn beide sind abstrakt und somit raum- und zeitlos. Insofern unterscheiden sich die Auffassungen der vergangenen Hochkulturen nicht wesentlich vom System des Weltganzen, wie wir es heute sehen. Bei aller Verschiedenheit waren die vergangenen Weltsichten nie ganz falsch. Allen jedoch fehlte ein Ansatz für eine plausible Erklärung der Welt und des Lebens. Der Grund lag vor allem darin, dass in allen Fällen die Ganzheit des Seins ein geschlossenes Kreissystem war, dessen unendlich differenzierte Gesamtskala sich an den raum-zeitlosen Extremen zur runden Form verband. In diesem Kreis drehten sich die Kulturen wie Hamster im Rad. Bei uns heute ist es nicht anders. Der Wissenschaft gelingt es nicht, bei diesem „Rad“, das Schlupfloch für einen Ausbruch zu finden. Schuld daran ist vor allem, dass die Forschung zur Beweisführung auf wiederholbare Experimente angewiesen ist. Ihre auf Kausalität angewiesene Methode versagt im submikroskopischen Bereich, also am Grenzbereich der Mechanik.

Somit bleibt den Menschen von heute nur die Möglichkeit, entweder an ein ewiges Leben in einem paradiesischen Jenseits zu glauben oder illusionslose Realisten zu werden. Oder sie begeben sich auf den Weg, wie es die moderne Kunst tut und stufen die Rationalität zugunsten des Gefühls zurück. In Anbetracht der Heisenbergschen Unschärferelation, die im submikroskopischen Bereich herrscht, ist letzteres nicht die schlechteste Haltung, weil sie offen ist für neue Wege.