Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Nihilismus – ein überaus schillernder Begriff

Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte informiert darüber, dass anscheinend alles Mögliche als Nihilismus tituliert werden kann, erweckte der Terminus in der Philosophie nie besondere Sympathie und wird auch heute zumeist überhaupt nicht ernst genommen. Nihilisten verkörpern fast immer etwas dümmliche und geltungssüchtige Randfiguren. Der Nihilismus gilt oft als scheinbare Extrem- oder Radikalposition, die sich weder in der persönlichen Haltung noch in der Sache konsequent durchhalten lässt. Wohlwollend billigt man allenfalls genialischen Nachwuchsdenkern zu, einmal eine nihilistische Phase zu durchlaufen, bevor sie sich, dergestalt gereift, im Anschluß dann ernsthaft mit der Philosophie befassen. Ansonsten ist der Nihilist ein vorlauter Hanswurst, ein nörgeliges Kind, ein kleingeistiger Exeget der schlechten Laune, der seine Befindlichkeiten zu einer alltäglichen Metaphysik des Trübsinns aufbläht. In der Sache ist der Nihilismus jedenfalls nicht ernst zu nehmen, was der echte Philosoph bereits daran erkennen kann, dass ein so wenig respektabler Halboder gar Unphilosoph wie Nietzsche sich seiner an prominenter Stelle annimmt.

Durchweg haftet dem Begriff das Odium der blasierten Teilnahmslosigkeit, des unzulässig Vereinfachten und Undifferenzierten an, das gleichermaßen großsprecherisch wie wichtigtuerisch als eine fortschrittsunfähige, zeitlose Modeideologie mit überspanntem, aber hohlem Überlegenheitsgestus vorgetragen wird. Der Begriff wird generell gerne zu denunziatorischen Zwecken verwendet und scheint dabei eine allgemeine Brauchbarkeit im Dienst der Abrechnung mit Gegnern jedweder Schattierung zu besitzen. Ebenso wird die Ausweglosigkeit verschiedenster intellektueller Verirrungen und Verranntheiten häufig als Nihilismus abqualifiziert. Der Nihilist ist prinzipiell eine suspekte Figur, die ihr diffuses Gefasel mit der Aura einer verführerischen und pomphaften Generalthese umgibt, sich aber letztlich bloß einem romantischen Allmachts- und Vernichtungsphantasma oder einem pubertär-pfiffigen Relativismus hingibt. Verkappt totalitär, überhitzt, unterkühlt, stets jedoch unmäßig, wird tatsächlich lediglich eine hypertrophe Monumentalnegation kolportiert.

Dies alles ist natürlich nur die Skizze einer selbstgefälligen und bequemen Schulphilosophie, die sich der Lage der Dinge, den wirklichen Zuständen des Menschen in der Welt verschließt. Seine Kultur und seine Institutionen wirken selbstbezogen, ermüdet und steril, der Hervorbringung und Bewahrung des Mittelmaßes und der Ziellosigkeit verpflichtet. Jede moralische Reflexion zeitigt Desinteresse oder Verwirrtheit und versinkt in kraftlosen Antilogien. Die Religion ist ein Wohlfühlanachronismus für geistige Normalverbraucher; sich mit ihr zu befassen, erweckt den Verdacht der Nekrophilie. Der Staat ist ein omnipräsentes, korruptes Zwangsinstitut, ein ideologisch allseitig anschlussfähiger Betrieb, um, letztlich ohnmächtig, ideen- und planlos die alltäglichen Kontingenzen zu managen. An Stellschrauben drehend - etwas mehr hiervor, etwas weniger davon - wird derselbe Apparat bedient. Nur die härteste Verweigerungshaltung vermag noch die Wahrheit der Diagnose des letzten Menschen zu leugnen oder schön zu reden. Der Nihilismus, die Entwertung aller Werte, ist der Fall, ist der zur Gewohnheit gewordene Normalzustand.

Wie auch immer man jedoch zu all dem steht: Sowohl der Nihilismus selbst als auch das Nachdenken über ihn sind substantielle und konstitutive Erscheinungsformen und Aufgaben der Philosophie. Der Nihilismus ergründet wesentliche Fragen: Was ist der Grund der Verneinbarkeit? Worauf bezieht sie sich? Hat sie Grenzen und, wenn ja, wo liegen sie? Was bedeutet Positivität, und wie weit trägt die Geltung des Positiven unter Maßgabe seiner Negierung? Solchen Fragen nachzugehen, ist der zeitlose positive Sinn des Nihilismus. Und es gibt keine philosophische Disziplin, die dazu imstande ist, sich dem Nihilismus zu verschließen und nicht von dieser Herausforderung betroffen wäre, denn es geht ihm um die Grenzen von Begründung und Rechtfertigung schlechthin.

Der Nihilismus ist die Metaphysik des Nichts in seiner konkreten Gestalt der Nichtigkeit alles Positiven – was Sein, Erkenntnis, Sprache, Sinn, Ordnung oder Moral angeht. Er kann dabei naturgemäß ausschließlich als Verneinung des Positiven, das er voraussetzt, operieren. Als äußerste Regression aller Geltungsansprüche, als Logik des Absprechens und der Absage fordert der Nihilismus die ultimative Rechtfertigung und legt dadurch gleichzeitig die Grenzen der Möglichkeit, überhaupt Rechenschaft zu geben, frei. Das Nichts offenbart sich als Grund der Nichtigkeit des Positiven. Ohne das Nichts wäre das Sein ein selbstverständliches und alternativloses Faktum, aber durch es wird es zu einem unlösbaren Rätsel, zum Abgrund der Vernunft (vgl. Kant: Kritik der reinen Vernunft). Das Sein gewinnt Höhe und Tiefe, eine Geschichte; es strahlt und spricht oder verblasst und verstummt. Obwohl unhintergehbar ist das Denken nicht dazu imstande, das Sein auf sich beruhen zu lassen. Nihilistisches Fragen und Denken kann sich generell in zwei Richtungen bewegen. Auf der einen Seite geht es um den Sinn: Nichts, was es gibt oder geben kann, nichts, was man als seiend ansprechen kann, kein mögliches oder auch notwendiges Sein hat einen Sinn; nichts lässt sich bindend und unwiderstehlich als sinnhaft ausweisen. Nihilismus bedeutet hier: Jede Sinngebung kann verneint werden. Auf der anderen Seite geht es um das Sein: Es gibt überhaupt nichts, bzw. es muss nichts da sein. Kein Sein besitzt absolute Beständigkeit und Unwidersprechbarkeit. Das Sein besteht nicht aus sich selbst heraus mit Notwendigkeit, kein Sein vermag dem Nichts zu widerstehen und bleibt ihm gegenüber unzugänglich. Alles kann ebenso gut auch nicht existieren. Nihilismus bedeutet hier: Jedes Sein und jede Seinsweise können verneint werden. Einmal geht es um die Sinnlosigkeit, einmal um die Nichtigkeit des Seins. Ob und wie beide Ebenen zusammenhängen, wird zu zeigen sein.

Der Nihilismus ist ein Seinsverhältnis, das sich nicht aus dem Sein selbst speist, sondern dessen Quelle das Nichts ist. Er nimmt eine uneingeschränkte und allumfassende Haltung demgegenüber ein, was ist, wenngleich keine bedingungslose, denn er setzt das Sein als Tatsache voraus. Seine Kraft zur universellen Verneinung des Seins überhaupt wächst dem Nihilismus aus dem Begriff des Nichts zu: Das Sein wird in allen seinen Formen und Weisen hinfällig; alle Unterschiede des Seins werden gleichgültig. Das Nichts begründet die Möglichkeit der Nichtigkeit des Seins. Logisch sind Sein und Nichts in gleichem Maße Grundmöglichkeiten oder -zustände. Das Sein hat lediglich den Vorrang seiner Faktizität, der jedoch nivelliert wird durch die Unmöglichkeit, ein Sein unwiderleglich und objektiv zu rechtfertigen, ihm einen Sinn zuzusprechen, der sich ihm unter keinen Umständen wieder absprechen lässt. Es ist das Resultat des Nihilismus, dass das Sein insgesamt nicht zwingend gerechtfertigt zu werden vermag. Der Grundzustand des Seins ist im selben Maße sinnvoll und sinnlos wie der des Nichts. Kein zureichender Grund lässt sich beibringen, warum es besser ist, dass etwas als dass nichts ist. Alle Gründe, die sich anführen lassen, entwachsen bereits der Sphäre und Struktur des Seins, seinem Was und Wie. Keine ontologische Charakteristik, kein Reichtum oder Verhältnis, keine Ordnung oder innere Kohärenz des Seins kann beweisen, dass es besser ist als das Nichts. Auch wenn das Sein ein für allemal der Fall ist, bleibt die Frage, was besser ist, unentscheidbar. Gewiss kann das Sein in mannigfacher Hinsicht Zustimmung erwecken, Beglückung und Erfüllung im Umgang mit ihm gewähren, Sinn kann ihm abgewonnen werden, doch nichts davon ist unverneinbar.

Die griechischen Tragiker erfahren das Sein noch im Horizont des Unterschieds von menschlichem und göttlichem Sein. Für die Götter bedeutet ihr Sein und ihr Leben ihr Schicksal. So schreibt Sophokles über ihr unvordenkliches Sein (Antigone): „Denn nicht seit heut und gestern sind sie: diese leben von je her, und weiß niemand, woher sie gekommen.“ Der Mensch hingegen wird in seinem Sein vom Nichtsein umschlossen und in die Mitte genommen; sein Existieren bleibt immer etwas überaus Fragwürdiges und der Rechtfertigung Bedürftiges.

Dass sein vom Leiden geprägtes Sein in der Welt dem Nichtsein vorzuziehen ist, darf bezweifelt werden, wie erneut Sophokles kundtut (Ödipus auf Kolonos): „Nie geboren sein, übersteigt alles, was nur irgend zählt. Aber wenn man kam zum Licht, ist das Zweite dieses: wieder dorthin gehen, von woher man kam, aufs Schnellste.“ Und Euripides fasst noch lapidarer zusammen: „Nichtsein ist besser für die Sterblichen als Sein.“ Aus diesem Unterschied von göttlichem und menschlichem Sein hat der Nihilismus das Sein schlechthin herausgenommen. Auch wenn das Sein nie nicht war und nicht vernichtet werden kann, so kann es gleichwohl nichtig sein: Notwendigkeit ist kein Sinn, und deswegen kann auch Gott nicht den Sinn unseres Seins ausmachen, sondern er ist unser Genosse im Sein, ihm ebenso verhaftet wie wir. Der Nihilismus lässt sich nicht und durch nichts widerlegen: Er ist die äußerste mögliche Wahrheit des Nichts im Blick auf das Sein. Jede Sinngebung des Seins kommt aus diesem heraus und bleibt ihm verhaftet. Kein Sinn kann die Immanenz des Seins durchbrechen, und es ist der Begriff des Nichts, durch den diese Geschlossenheit bezeichnet wird. Ob Sein und Nichts sich in irgendeiner Weise vereinigen, durchdringen und vermitteln können, oder ob sie einander wechselseitig absolut begrenzen und einander vollständig äußerlich bleiben, mag offen bleiben. Aber mit Gewißheit gilt: Nur, wenn das Nichts entweder keinen möglichen Zustand darstellt, wenn das Nichts nicht nur nicht ist und nicht gedacht werden kann, sondern es das Nichts in keiner Weise ‚gibt‘, oder wenn das Nichts dem Sein innerlich und wesentlich zugehörig ist - wenn es also nichts anderes neben dem Sein gibt -, dann fällt das Faktum der Notwendigkeit eines Seins mit der Unmöglichkeit seiner gänzlichen Sinnlosigkeit zusammen.

Von diesem universellen lässt sich der spezielle Nihilismus unterscheiden, der sich als kultureller, geschichtlicher, logischer, erkenntnistheoretischer, moralischer, religiöser, politischer, gesellschaftlicher oder ästhetischer manifestieren kann, sich aber stets auf eine Welt oder eine bestimmte Seinssphäre bezieht. Und wie man das Sein insgesamt bejahen und doch Unterschiede von Bejahung und Verneinung im Hinblick auf verschiedenes Seiendes machen kann, so kann man das Sein auch insgesamt verneinen und trotzdem Unterschiede von Bejahung und Verneinung im Hinblick auf bestimmte Seinsweisen und -zustände oder konkretes Seiendes vornehmen. Es gibt dann das Schlechtere im Besseren und ebenso das Bessere im Schlechteren. Jeder spezielle Nihilismus kann absolute oder genetische Geltung erheben. So kann ein Sinn der Geschichte überhaupt geleugnet werden; es kann aber ebenso ein Niedergang innerhalb der Geschichte konstatiert werden: Das Substantielle, Bessere, Größere und Höhere sinkt zum Scheinhaften, Schlechteren, Kleineren und Tieferen hinab. Seinszustände werden verglichen und als Seinsverluste bewertet. Der Nihilismus ist hier das Geschehen der Vernichtung dessen, was wirklich ist oder sein soll zugunsten des Nichtigen. In beiden Fällen bildet er eine Auslegung von Werden und Veränderung. Auch sein Verständnis als Unvermögen oder Unmöglichkeit, im Sinne etwa des Gorgias-Trilemmas, gehört hierher. Wenn nichts sein, erkannt, ausgesagt, ge- oder verboten werden kann, dann ist das Verhältnis des Menschen zur Welt gestört.

Dieser Weltbegriff des Nihilismus spricht sich prägnant und optimistisch in den berühmten Versen Goethes aus: „Ich bin der Geist der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht ist wert dass es zu Grunde geht; drum besser wär’s dass nichts entstünde. So ist denn alles was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.“ Es geht um die untergeordnete und partikulare Verneinung im Hinblick auf das Werden, um Entstehen und Vergehen, um Schöpfung und Zerstörung, den Fortschritt und seine ihm dienstbare Verneinung und Hemmung. Das Böse und die Verneinung halten alles in Bewegung, und darauf kommt es an. Was jenseits des Werdens und der Welt steht, bleibt jenseits der Verneinbarkeit und ist dem Nihilismus unerreichbar. In diesem Sinne glauben wir auch, Weltdeutungen, Weltepochen, Weltverhältnisse könnten sich verbrauchen und einander ablösen, die Welt selbst jedoch bliebe davon in ihrer Unerschöpflichkeit und Schöpfungskraft unberührt. Jedes Einschränken oder Aufhören des Nihilismus innerhalb des Seins ist vorläufig, willkürlich und perspektivisch motiviert. Gerade an diesem Weltbegriff des Nihilismus zeigt sich, dass er immer auch ein Selbstverhältnis des Menschen ist, das Ungenügen des Menschen an sich selbst. Ein Mensch, der sich genügt, ist kein Nihilist.

Überall sucht der Mensch nach sich selbst, überall begegnet er sich selbst. Es ist, wie Stifter im Hochwald bemerkt: „Die Menschen können nichts bewundern, als was sie selber gemacht haben, und nichts betrachten, als in der Meinung, es sei für sie gebildet.“ Alles wird dem Menschen zum Spiegel, der ihm zeigt, was und wer er ist. An den Grenzen seiner Welt hofft der Mensch Spiegel zu finden, die ihm seine Grenzen offenbaren. Wir suchen nicht das Andere, schon gar nicht um seiner selbst willen, sondern Spiegel, also uns selbst. Um das Andere verstehen zu können, müssten wir uns selbst verstehen. Durch alle Haltungen und Stellungen, die wir zum Sein einnehmen, versuchen wir, uns selbst näher zu kommen. Was sagt uns dies und das über uns, wenn wir so und so zu ihm stehen? Was Platen über Gott sagt, gilt auch für den Menschen: „Sich selbst zu schaun, erschuf der Schöpfer einst das All, das ist der Schmerz des Alls, ein Spiegel nur zu sein.“ Alles hat Bezug auf das menschliche Sein, alles ist für, durch oder gegen ihn, mit oder in ihm. Das ganz Andere ist eine Unmöglichkeit, ein Nichts. Die Sinnfrage ist das Streben nach der Selbstrechtfertigung des Menschen, dessen Humanismus ihn in der Sphäre der anthropozentrischen Immanenz festhält. Die Idee des Höchsten, Gottes, zu bestreiten, bedeutet nichts - weil es gar nicht das Höchste ist; der Mensch ist die Spitze, ihn und seine Würde zu leugnen, ist Sünde. Der Wille, der sich selbst will, der Wille zur Unsterblichkeit, zur endlosen, leeren Selbstbejahung, zieht die Nichtigkeit alles anderen nach sich und besiegelt das Immanenzdenken des Humanismus: Als unsterblicher wird der Mensch sein eigener und einziger Spiegel.

Der Mensch wertet aus einer Stellung als Ausnahmeentität heraus, als die er sich selbst begreift und setzt. Er unterscheidet zwischen allem, weil er sich von allem unterscheidet. Die Natur kennt keine Wertunterschiede, es ist das Wesen der Natur, dass alles gleichgültig ist. Ob etwas von sich aus besteht oder vom Menschen gemacht wird, sein Werten und Sinngeben erstreckt sich auf alles. Dabei vermag der Mensch sich nicht einmal einig über den Wert dessen zu werden, was er selbst hervorbringt, Kunst, Technik oder Politik. Das Werten ist eine Zudringlichkeit, eine Belästigung für die Dinge, eine Last, die der Mensch ihnen um seiner willen auferlegt und durch die sie wesentlich nur noch das sind, was sie für den Menschen sind, sein können oder sein sollen. Zum Wesen jedes Wertes gehört sein Verfall; das Hervorbringen von Werten ist dagegen das Bleibende. Wert und Sinn kann das Sein allein im Hinblick auf den Menschen haben, der inmitten des Seins steht. Wertsetzung oder Sinngebung sind Willensakte, die den Dingen einen Sinn injizieren, während die Sinnfindung zwar hofft, dass das Sein aus sich heraus etwas sein möchte, doch auch in dieser Richtung bleibt der Bezug auf den Menschen leitend; das Sein hat auch dann für ihn seinen Sinn. Der Mensch macht also, seiner Zugehörigkeit zum Kreis des Seins ungeachtet, immer schon Unterschiede zwischen Seiendem oder Seinsformen sowie zwischen sich und dem Sein. Diese perspektivischen Voraussetzungen bringen eine fundamentale Ungleichheit und Inhomogenität ins Sein und inhärieren seinen sämtlichen Sinn- und Wertsetzungen. Jede Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Seins wirft deswegen als Schatten eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen und dem speziellen Sinn des Menschen.

Vergleicht man den Menschen mit einem Grashalm, so ist er dann mehr wert als dieser, wenn man beide nach der Komplexität und dem Reichtum ihrer Bestimmtheit, ihrer Möglichkeiten, ihres Horizontes abschätzt. Ist der Grashalm lediglich das, was er für den Menschen ist, so sinkt sein Wert auf fast nichts herab. Schaut man hingegen auf die einfache Tatsache ihres ‚Ist‘, darauf, dass sie ihre jeweilige Weise da zu sein erfüllen, dass sich verschiedene Weisen zu existieren - in jeweils völliger Übereinstimmung mit sich - in ihnen ereignen, so verschwindet der Wertunterschied zwischen ihnen. Das Sein ist dann in ihnen dasselbe, ihr Sinn besteht darin zu sein. Es ist mithin dasselbe Sein, das wir in ihnen verschieden bewerten. Es verhält sich mit beiden dann wie mit Eis und Wasser, die dasselbe sind, aber unter verschiedenen Bedingungen gegensätzliche Eigenschaften erscheinen lassen. Am Ende zeigt sich am Menschen: Wo alles möglich ist, ist nichts mehr möglich, jede Bestimmtheit ist revidierbar.

Der Nihilismus ist ein Begriff, der auf verschiedenste und zum Teil gegenläufige Positionen angewendet wurde. Etwas wird als wesentliches Sein, höchste Seinsweise oder wahre Gesinnung gesetzt, und wer dies nicht anerkennt, kann als Nihilist bezeichnet werden. So wurden Metaphysik und Antimetaphysik, Idealismus und Materialismus, Intellektualismus und Vitalismus, Solipsismus und Kommunismus, Konservativismus, Liberalismus, Marxismus oder Anarchismus, Monismus und Dualismus, Pantheismus, Deismus, Atheismus oder Skeptizismus, Christentum und Buddhismus, Dezisionismus, Romantizismus oder Pessimismus allesamt als Nihilismus bezeichnet. Als wuchtiger Kampfbegriff wird er bereits in seiner ersten wesentlichen philosophischen Konzeption von theistischen und realistischen Denkern auf die idealistische Philosophie appliziert, so etwa von Jacobi im Sendschreiben an Fichte von 1799. Er charakterisiert mit ihm Kants Philosophie sowie Fichtes Wissenschaftslehre, die er als folgerichtigen Kantianismus betrachtet: Konsequenter Kantianismus ist Nihilismus. Bezeichnenderweise ist der Begriff hier schon mit der Deutung der poietischen Subjektivität und ihrer Grenzen verwoben.

Fichte erreiche sein Ziel einer Philosophie aus einem Stück nur auf Kosten der reflektierenden Auflösung aller ‚Sachen‘ in die Gedankenkonstruktionen des absoluten Ich, das in Wahrheit nur Abstraktionsprodukt des empirischen Ich sei. Dem Menschen, der auf diese Weise sich selbst vergöttliche, löse sich alles schrittweise auf in sein eigenes Nichts. Allein der Glaube an einen lebendigen, für sich bestehenden Gott könne der aus solcher Philosophie resultierenden Verzweiflung widerstehen. Fichte hat den Vorwurf zwar zurückgewiesen und die ihn begründenden Missverständnisse seiner Lehre aufgedeckt (vgl. Jacobi an Fichte. NW); die Problematik hat ihn jedoch weiterhin beschäftigt. Noch in der Wissenschaftslehre von 1812 fragt er nach dem wahren Mittel, dem Sturze der Realität durch den Nihilismus der Reflexion zu entgehen. In Glauben und Wissen (1802) stellt Hegel beide als Dualisten mit Kant zusammen; für ihn besteht die ungelöste Aufgabe des Nihilismus darin, das absolute Nichts zu erkennen, das in Wahrheit die absolute Mitte Gottes darstelle, welchem kein bloßes Für-sich-Bestehen zukomme (TWA 2, 408–412).

In der Frühromantik, insbesondere bei Novalis und Friedrich Schlegel (der den Begriff schon 1787 gebraucht), vollzieht sich eine Poetisierung von Fichtes Prinzipien. Der Gedanke der unendlichen Tätigkeit des absoluten Ich wird für ein sich ins Grenzenlose ausweitendes Schöpfertum des individuellen Ich in Anspruch genommen. Dies führt zur Übertragung des Nihilismus-Vorwurfs auf die Willkürlichkeit und Naturferne der frühromantischen Dichtung; der Begriff wird zur ästhetischen Kategorie. Jean Paul wendet sich in seiner Jacobi zugeeigneten Clavis Fichtiana (1800) gegen die poetischen Nihilisten, die ich-süchtig das All vernichten, sich im freien Spielraum des Nichts ausleeren und sich am Ende ins kraft- und formlose Leere verlieren. Auch hier geht es, anhand des Poetischen, um eine Auslegung der Poiesis und ihrer Gefahren. Ist der Nihilismus für Jacobi oder Jean Paul etwas Verfehltes, eine jedes Maß sprengende und jede Grenze überschreitende Hybris, eine selbstherrliche Übertreibung der menschlichen Möglichkeiten zugunsten der unvergänglichen, wahren Religion, so ist er für Nietzsche die treibende Kraft in der Geschichte des Menschen, seiner Ideen und Werte. Der Nihilismus ist die Logik der platonisch-christlichen Ideen und ihrer Menschenformung bis hin zu ihrer Selbstzerstörung, hinter der die neuen Werte eines neuen Menschentums zum Vorschein kommen, ja durch die sie erst zum Vorschein kommen können. Er benennt den Einheits- und in sich stimmigen Abfolgezusammenhang der großen abendländischen Ideen, ihre Wahrheit und ihr Ende.

Die Erkenntnis der Ziel- und Sinnlosigkeit, der Wahrheit, dass dem Sein kein Sinn zukommt, setzt bei Nietzsche die Potenz des Willens, die innere Energie des menschlichen Existierens und seines Verhaltens zum Seins erst vollständig frei. Wenn das Sein von sich her keinen Sinn besitzt, steht es der Macht und ihren Setzungen in jeder Beziehung offen. Die ganze Substanz des Seins zieht sich in den Willen zurück; er wird zum Maßgeblichen, wenn alles andere wegfällt. Er ist die Kraft des Sinnsetzens, wenn es keinen Sinn mehr gibt. Zu erkennen, dass das Sein keinen Sinn hat, und es dennoch zu bejahen, markiert den höchsten Standpunkt, der eingenommen werden kann und den Menschen an seine Grenze führt. Nietzsche nennt die unüberwindliche Sinnlosigkeit des Seins ‚Nichts‘ (vgl. KSA XII, 213); das menschliche Sein freilich erfährt seine äußerste Steigerung, wenn es diese Nichtigkeit des Seins affirmiert, sie sich souverän zueignet, sich einem dergestalt verfassten Sein zugehörig erlebt. Den Sinn zu verneinen, bedeutet für Nietzsche geradezu, das Sein zu bejahen: Dies bildet für ihn die ideale Konsequenz seiner Sinnlosigkeit, das Sein wird zum Spielraum von Stärke und Macht. Für Nietzsche ist der Nihilismus Diagnose und Heilmittel in eins. Der Nihilismus ist für Nietzsche die Krisis, der Entscheidungspunkt innerhalb derjenigen Geschichte, die ihm vorangeht und am Ende notwendig zu ihm resp. seinem Offenbar-Werden hinführt. Er erzwingt die Entscheidung zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Bejahung und Verneinung des Seins, zwischen Sein und Nichtsein, zwischen dem Verschwinden des Verlangens nach Sinn, seinem Überflüssigwerden, und der Einsicht, dass zukünftig kein Sinn mehr möglich sein und weiterhin bestehen kann. Am Ende der Geschichte der europäischen Werte und Ideale scheiden sich die Wege: Neue Werte zu setzen einerseits, das Verlöschen der alten Werte und der Vergehen mit ihnen andererseits. Der Nihilismus ist hierbei der Zustand der menschlichen Geschichte, die Wahrheit der menschlichen Gattung, nicht notwendig die jedes Einzelnen, was freilich nicht ins Gewicht fällt.

Die tiefste Zäsur in der europäischen Geschichte ist der Nihilismus Ende, Übergang und Anfang in einem. Er sagt das Entscheidende über das Wesen des Menschen, seines Denkens und Wollens, seines Verhältnisses zu sich und zum Sein gleichermaßen; er sagt, wer und was der Mensch ist und sein kann. Der Nihilismus ist die Wahrheit der Unheilsgeschichte des europäischen Menschen, aber ebenso die Entscheidung über seinen zukünftigen Weg. Der Nihilismus wird zum Grund- und Normalzustand, nur das Verhalten zu ihm kann verschieden sein; für Nietzsche kann es der Stärke oder der Schwäche entspringen. Das Sein ist sinnlos und in seiner Sinnlosigkeit ewig – in der Form des Werdens, der Ewigen Wiederkunft des immer Gleichen: Wie der Mensch sich zu dieser Wahrheit verhält, zeigt wer er ist. Im Nihilismus kann sich keine Idee mehr behaupten oder erheben, ohne dass sich ihre Aufhebung – in Widerspruch, Banalisierung, Verfälschung, Übertreibung, Ignoranz – mit ihr erhebt. Alles Sein hat der Mensch in die Sphäre des Werdens verlegt, Kategorien wie Dynamik, Entwicklung, Bewegung, Veränderung oder Verbesserung unterworfen; und dennoch sollen darin zugleich feste Werte und unvergängliche und unveränderliche Ideen existieren. Die Würde des Menschen etwa soll von allem Geschehen unangetastet bleiben. Wie kann dies möglich sein? Die Vernunft soll die Würde als zeitlos Beständiges in sich vorfinden und einsehen. Aber es gab eine Zeit, in der die Vernunft sie selbst war und ihr trotzdem nichts von solcher Würde bekannt war? Also hat die Vernunft einen Fortschritt vollzogen. Doch der Fortschritt ist wiederum ein Werden, wer setzt dieses Ende also ins Werden? Dies leistet erneut die Vernunft, die die Würde als vernünftiges, festes Ende des Fortschritts setzt, während alles andere weitergeht.

Woher kommen solche Unterschiede in das Können der Vernunft und ins Wesen des Werdens? Alles dreht sich hier im Kreis und macht sich gegenseitig verdächtig. Wenn nicht alles, was ist, einen Sinn hat, weil es ist, es also Sinnloses oder Widersinniges gibt: Wie lassen sich hier die Grenzen ziehen? Wie kann man Bestimmtes rechtfertigen und anderes nicht? Die Menschen finden zur selben Zeit oder auch nacheinander Verschiedenes sinnvoll; es kommt auf den Einzelnen an, alles ist perspektivisch zu sehen. Manches ist allen freigestellt, manches nicht. Über einiges soll man nicht verschiedener Ansicht sein dürfen, und dies sind dann die fundamentalen Grundwerte, wie die Würde des Menschen. Auch hierbei lässt sich nichts klar und deutlich abgrenzen. Alles bewegt sich in Phrasen, unklaren Vorstellungen und läuft auf inkonsequente, kasuistisch relativierbare, bloße Maximen hinaus. Der Mensch verliert den Glauben an sich selbst, und er hat es dann nötig, viel von seiner Würde zu reden. Zuletzt hält der Mensch sich, angesichts der allseitigen Verwirrung, an sich selbst. Er sucht nach Sinn, weil er sein Sein – und damit alles Sein – abgeben muss. Er hofft, den Sinn darin zu finden, dass er sein Sein, das im und als Werden stattfindet, nicht mehr loslassen muss; er strebt nach Unsterblichkeit und sieht in ihr seinen Sinn, darin also, immer da zu sein. Dadurch steht ihm alles Sein offen und zur Verfügung, um sein Sein mit Bedeutung, Erleben und Sinn zu erfüllen. Doch vermag ein ewiges Dasein den Durchbruch zu dessen Sinn und zum Sinn des Seins schlechthin mit sich zu bringen?

Der Mensch will die Nichtigkeit seiner Endlichkeit in der Zeit überwinden: und zwar durch die Zeit und das materiell fortdauernde Existieren in ihr, auf welcher Grundlage er sich dann mannigfaltigen Bestimmungen seines Existierens zuwenden kann. Er ist nicht mehr von der Unausweichlichkeit seines Todes durchdrungen, glaubt nicht länger an die Notwendigkeit seiner Sterblichkeit. Bemühte er sich vorher, etwas zu schaffen, das ihn überlebte, so zielt er jetzt darauf ab, selbst immer weiter zu überleben. Der Nihilismus betitelt die Zerstörung der Einheit des Seins, der Einheit zwischen dem Sein des Menschen und dem Sein alles anderen. Einzig als zugehörig zur Einheit des Seins, als zusammengehörig in der Einheit des Seins, kann Sinn erwachsen und wirksam werden. Der Mensch kann aus sich heraus und in sich selbst keinen Sinn finden, weil er des Sinnes für sich bedarf, den er sich selbst nicht geben, den er nur durch etwas anderes erlangen kann. Er muß seine Seinsweise und ihre Bestimmungen mit allem anderen in einen Zusammenhang der Übereinstimmung bringen. Der Mensch vermag keinen Sinn zu haben, wenn das Sein keinen hat; und das Sein kann keinen Sinn haben, wenn der Mensch keinen hat. Sinn kommt dem Menschen im Sein und von ihm als Einheit her zu. ‚Sinn‘ ist ein Begriff des Seins, der Mensch muss das Sein als sinnvoll verstehen. Der Nihilismus kommt hierbei zu dem Resultat: Sinn ist keine mögliche Bestimmung des Seins. Er zieht eine unüberwindliche Grenze zwischen Sinn und Sein und interpretiert das Sein schlechthin als sinnlos. Dies bedeutet: An jeder Bejahung klebt die gleich starke Möglichkeit der Verneinung und umgekehrt; jede Anerkennung entspricht eine Aberkennung und umgekehrt; jeder Überordnung und Unterordnung kann widersprochen werden. Und infolge seiner Sinnlosigkeit kann das Sein zu leerer Gleichförmigkeit eingeebnet werden. Allem, was wir tun, schaffen, wollen, denken, sagen - allem haftet, so verschieden es ist, derselbe Schatten an, dieselbe Nichtigkeit. Vielleicht ist der Nihilismus deswegen ein Zeichen der Einheit des Seins, die sich wenigstens negativ in allem durchhält und zeigt.

Mit dem Begriff ‚Nihilismus‘ wird die fundamentale Haltung der Verneinung zum Ausdruck gebracht: einerseits die Absage an das Sein, andererseits der Negation des Sinns. Der Nihilismus zieht seinen Schluß aus allem, was war und distanziert sich von all seinen positiven Auslegungen: Es ist nichts damit, es sollte überhaupt nichts sein. Das Sein ist, obwohl es ist, nichtig; das Sein sollte nicht der Fall sein. Das, was ist, wird verworfen, seinen Sinndeutungen wird die Geltung aberkannt. Das Sein ist ohne Belang, seine Interpretationen bleiben bedeutungslos. Subjektiv gibt es natürlich immer noch ein reichhaltiges und auch gut genutztes Angebot an Sinngebungen des eigenen Lebens wie des Seins überhaupt, aber objektiv sind alle großen Ideen verbraucht und machtlos, alle Grundpositionen sind schon vertreten worden, keine überzeugt mehr. Wenn gilt, was Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation schreibt – „Unser Maßstab der Größe bleibe der alte: dass groß sei nur dasjenige, was der Ideen fähig sei“ –, die Idee also den Sinn und die lebendige Bindung an das Sein artikuliert, dann ist der Nihilismus als Zustand der absoluten Ohnmacht und Schwäche der Idee zu betrachten. Alles Geistige wirkt abgetragen, verbraucht und erschöpft, erscheint substanz-, wesen- und charakterlos. Seinen Äußerungen fehlen Gewicht, Durchschlags- und Prägekraft, seine Geschichte erscheint als Niedergang bis hin zur bloßen permanenten Insolvenzverschleppung. Der Punkt ist erreicht, an dem jedes Weitermachen mit und aus dem Vorhandenen sich aus Gründen der Redlichkeit und der geistigen Wachheit verbietet. Einer Flutwelle gleich überspült der Nihilismus, alles darauf zunichte machend, das feste Land. Er streift den Dingen den Schein, die Prätentionen, Wunschbilder, Deutungen und Irrtümer ab, mit denen wir sie oberflächlich eingekleidet haben. Den Nihilismus zu leugnen, bezeugt Naivität oder Maskerade, ihm ausweichen zu wollen, ist ein schlichter Selbstbetrug. Seine Realität führt uns und die Dinge auf ihren gemeinsamen Nullpunkt zurück, der eine Besinnung auf die Vergangenheit und die Zukunft verlangt; eine nüchterne Besinnung, die die durchgängige Schwäche sowohl dessen, was gerechtfertigt werden soll (das, was ist) als auch seiner Rechtfertigungsversuche (Sinngebungen) nicht verleugnet, schönredet und durch vorgebliche Überwindungen und flüchtige Neuanfänge leichthin hinter sich lässt. Der Nihilismus ist die Wahrheit, in der wir gefangen sind und die als immer gleiche ewig wiederkehrt, denn er ist eine maßgebliche Weise, die Frage nach dem Sein zu stellen. Für solche Fragen gilt freilich stets, was Thomas Bernhard als conditio humana formuliert: „Und wenn wir das ganze Leben ununterbrochen Fragen beantwortet bekämen und hätten schließlich alle Fragen gelöst, wir wären am Ende doch nicht viel weiter gekommen.“