Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Die Bedeutung des Seins – Wahrnehmung als Schlüssel zur Existenz

Ob das Seiende aus dem Nichts entstanden ist oder seit jeher existiert, bleibt eine der tiefsten philosophischen Fragen. Doch unabhängig von ihrer Beantwortung zeigt sich eine zentrale Erkenntnis: In beiden Annahmen jedoch erscheint das Sein ohne Wahrnehmung bedeutungslos – als würde es ohne einen Beobachter schlicht nicht existieren, weil das bloße Vorhandensein einer Struktur nicht ausreicht. Für die Existenz bedarf es einer umfassenden Wahrnehmung, einer Symbiose aus Bewusstsein und Sinneserfahrung. Das Thema ist gleichzeitig bescheiden und anspruchsvoll: bescheiden, weil es um eine allgemeine Darstellung geht, anspruchsvoll, weil es sich wahrscheinlich um das zentrale Thema der Philosophie Heideggers handelt.

1. Das Thema „Sein“ im Kontext der traditionellen Metaphysik

Warum ist die Thematik „Sein“ für die Philosophie und insbesondere für die Metaphysik zentral? Philosophie kann als jene Disziplin bezeichnet werden, die sich von den anderen Disziplinen dadurch unterscheidet, dass sie einen Totalitätsanspruch erhebt. Anders gesagt: Das, was die Philosophie auszeichnet, ist nicht einfach mit einer bestimmten Palette von Themen verbunden, denn man kann philosophisch an die unterschiedlichsten Themen herangehen. Das zentrale Merkmal der Philosophie besteht auch nicht einfach in einem besonderen methodologischen Bewusstsein, denn dieses Bewusstsein ist auch bei Wissenschaftlern zu finden, die keine Philosophen sind. Philosophie ist es erst dann, wenn sich der Blick aufs Ganze aktiviert, was bedeutet, dass die philosophische Betrachtung immer einen Blick auf die Totalität hält, auch wenn sie sich mit bestimmten und besonderen Bereichen auseinandersetzt. Geschichte wird zum Beispiel dann philosophisch analysiert, wenn sie als ein Spezialbereich der Realität im Ganzen betrachtet wird. Wir können nun diese Idee geschichtlich etwas spezifizieren. Die Philosophie entsteht in dem Moment, in dem sich der Blick auf das Reale nicht auf diese oder jene Portion richtet, sondern die Totalität anvisiert. Dies erfolgt geschichtlich in dem Moment, in dem zum ersten Mal die Einheit aller Dinge zum Ausdruck gebracht wird, und dies zeigt sich traditionell durch die Hervorhebung eines Ur-Elements, das für diese allumfassende Einheit steht. Das erste dieser Ur-Elemente ist bekanntlich das Wasser des Thales. Diese Idee von Philosophie ist auf eine prägnante Art und Weise von Hegel dargestellt worden. Er schreibt:

Man sieht an dieser Stelle den Übergang von jenem oben erwähnten eingegrenzten Blick, der sich auf die vielfältigen und endlichen Dinge bzw. Prinzipien unserer Erfahrungswelt konzentriert, zu einem, der sich auf die Ganzheit richtet. Das „philosophische Wasser“ ist folglich nicht mit dem gewöhnlichen Wasser zu verwechseln, und es ist auch nicht einfach ein mythisches Prinzip; es ist ein wirkliches philosophisches Prinzip und zwar gerade, weil es für die Totalität steht. Diese Position ist allerdings unvollständig, denn das Wasser bleibt immer noch ein physisches Element unter anderen und kann daher nicht wirklich für die Totalität stehen. Es gibt mit anderen Worten eine Diskrepanz zwischen dem Intendierten und dem faktisch Ausgedrückten. Es ist nur das Sein, das sich, gerade in dieser Hinsicht, von anderen endlichen und natürlichen Prinzipien unterscheidet. Das expliziert sich in einer doppelten Weise:

Sein bringt somit wirklich die Totalität zum Ausdruck. Wenn nun der Verweis auf die Totalität das Merkmal der Philosophie ist, heißt es aber auch, dass Philosophie da ist, wo das Sein mit-thematisiert wird. Die philosophische Disziplin, die sich damit befasst, ist nun die Metaphysik, und aus diesem Grund wird sie auch als „erste“ Philosophie bezeichnet. Ein wichtiges Zitat ist in dieser Hinsicht folgende Stelle in Aristoteles’ Metaphysik:

Mit anderem Worten: Metaphysik ist die philosophische Disziplin überhaupt, weil sie das Sein als solches (und damit die Totalität als solche) thematisiert. Philosophie verweist in ihrem Totalitätsanspruch aufs Sein und besitzt daher ab ovo einen metaphysischen Charakter. Das ist nun nicht die einzige Seite, die es hervorzuheben gilt. Denn, wir haben in dem genannten Hegelschen Zitat gesehen, dass die Einheit aller Dinge auch mit der tiefen Natur des Realen koinzidiert. Wasser (und somit die allumfassende Ureinheit) ist das Absolute bzw. das wahre An-Sich. Die vielen Dinge unserer Erfahrungswelt erweisen sich hingegen aus der philosophischen Perspektive als etwas Abgeleitetes. Das heißt: Zur Natur der Philosophie gehört auch eine Urtrennung zwischen dem, was fundamental ist, und dem, was abgeleitet ist, zwischen dem Grund und dem Begründeten. Auch in diesem Kontext spielt die Thematik „Sein“ eine zentrale Rolle. Denn das, was fundamental ist, kann auch als das bezeichnet werden, was wirklich ist. Das Fundament ist das Sein im eigentlichen Sinne. Auch diese Dimension ist zentral für die Natur der Wissenschaft des Seins bzw. die Metaphysik, denn diese Disziplin ist nicht nur jene, die sich mit der Totalität auseinandersetzt, sondern auch jene, die die letzten Ursachen betrachtet. In der Metaphysik (in der erste Philosophie) geht es folglich nicht nur um das Seiende als solches, sondern auch um das fundamentale Sein. Das Fundament wird außerdem gewöhnlich mit dem Göttlichen assoziiert. Damit erweist sich die Metaphysik auch als Theologie.

Fassen wir das bisher Dargestellte zusammen: Philosophie im ursprünglichen Sinne (erste Philosophie bzw. Metaphysik) hat eine doppelte Dimension, die sich in der doppelten Seite des Seins widerspiegelt: Sein als solches und fundamentales Sein. Machen wir einen Schritt weiter: Diese zwei Aspekte der Metaphysik liegen nun nicht brach nebeneinander. Sie sind zwei Aspekte einer einzigen Dynamik. Was bedeutet dies? Es heißt, dass die Thematisierung der Totalität durch die Explizierung des Grundverhältnisses erfolgt. Anders formuliert: Die Einheit aller Dinge ist jener fundamentale Grund, der alles andere regelt und trägt. Das scheint auch der ursprünglichen Bedeutung von archè zu entsprechen. Denn archè ist sowohl Urprinzip als auch das Gesetz, das die Welt regelt. Noch anders gewendet: Metaphysik vollzieht ihre ontologische Natur (sie expliziert sich als Wissenschaft des Seienden als solchen), indem sie sich auf den Weg zu Gott (auf den Weg zum fundamentale Sein) macht. Der philosophische Gott ist der Gipfel der ontologischen Dynamik. Der Punkt ist nun: Heidegger entwickelt seine Position in Auseinandersetzung mit dieser Grunddynamik der Metaphysik. Der Unterschied zwischen der metaphysischen Auffassung und der Heideggerschen wird außerdem immer deutlicher und radikaler.

2. Heideggers Seinsauffassung

Um diesen Unterschied hervorzuheben, werden wir von einem zentralen Punkt ausgehen, der schon in unserem Titel auftaucht. Dabei geht es um die Idee von „Sinn“. Mit anderen Worten: Warum spricht Heidegger von Sinn von Sein?

Zunächst eine terminologische Erklärung: Das Wort „Dasein“ bezeichnet den Menschen qua Ort des Seinsverständnisses. Man kann die These deshalb so übersetzen: Beim Sinn von Sein geht es um das Sein, sofern es „für uns (Menschen)“ ist. Dies bedeutet nicht (und das ist für Heidegger zentral), dass diese Position als eine Art Subjektivismus bzw. Idealismus im trivialeren Sinne des Wortes zu verstehen wäre. Es geht nicht um eine Beschreibung des Realen als Vorstellung. Es geht um das Reale selbst, das an sich manifest bzw. offenbar ist, und damit für uns ist. Auch diese Position lässt sich in traditioneller Art umformulieren. Denn indem Heidegger von Sinn von Sein spricht, verweist er auf die Idee des Seins als Wahrheit bzw. auf das veritative Sein. Warum? Weil gerade das Wahre durch eine doppelte Dimension gekennzeichnet ist. Es hat einerseits eine realistische Seite: Wahr ist das, was der Fall ist, unabhängig davon, ob ich es denke bzw. meine oder nicht. Zum Beispiel: Die Tatsache, dass Venedig in Italien liegt, besteht unabhängig davon, ob ich diese Tatsache denke oder nicht. Wahr ist aber auch das, was epistemisch zugänglich ist und somit auf Erkennbarkeit verweist. Wahrheitsansprüche sind nämlich auch Wissensansprüche. Mit anderen Worten: Das, was ich in Wahrheitsansprüchen behaupte, ist etwas, wofür ich (zumindest im Normalfall) auch Gründe habe. Gründe werden aber deshalb eingeführt, um zu zeigen, dass es sich so verhält, wie es gemeint ist. Dadurch kommt aber eine weitere fundamentale Dimension zum Ausdruck: Die Tatsache, dass das Reale diskursaffin ist, dass es eine fundamentale Zusammengehörigkeit zwischen dem Realen selbst und dem Denken geben muss. Daraus lässt sich eine wichtige Konsequenz ableiten: Das Reale, wie es sich anhand des Wahrheitsphänomens zeigt, das Reale qua wahr (und damit das veritative Sein) ist etwas, das zwar unabhängig ist, aber gleichzeitig vom Diskurs und vom Denken nicht fundamental getrennt ist. Das veritative Sein zeigt ein An-sich, das manifest ist und als solches auf den Intellekt verweist. Diese Konzeption ist nun sowohl für die Metaphysik als auch für die heideggersche Auffassung zentral. Warum? Und warum ist die metaphysische Herangehensweise für Heidegger problematisch?

Die erste Philosophie (Metaphysik), geht von dieser Wahrheitsdimension des Realen (von seiner Erkennbarkeit) aus. Das metaphysische Verfahren setzt die Idee voraus, dass das Reale an sich, zumindest prinzipiell, erkennbar und somit prinzipiell transparent sei. Außerdem: Die Metaphysik ist die menschliche Artikulation bzw. Ausbuchstabierung dieser Erkennbarkeit. Wie wird aber diese Erkennbarkeit des Realen metaphysisch ausbuchstabiert? Dies erfolgt (in groben Zügen) folgendermaßen: Die Metaphysik macht sich auf die Suche nach der archè. Dies bedeutet: Es wird das Fundament bzw. der Grund (das, was wirklich ist) gesucht und eruiert, inwiefern es bzw. er auch als das allumfassende und alltragende Prinzip fungiert. Der Grund (der Kern) soll die Natur der Oberfläche der Realität erläutern. Dadurch wird die innere Vernünftigkeit des Realen uns vor Augen geführt, und dies wird für uns transparent.

Die Metaphysik zeigt sich hier aber als eine „Superwissenschaft“, die verobjektivierend die Gesamtheit des Realen darstellt. Wir haben einerseits eine Zusammensetzung von Aussagen und anderseits eine objektive Realität, die als fundamental zugänglich vorausgesetzt wird. Durch die objektivierende Theorie wird die objektivierte Realität dargestellt. Das ist allerdings ein Problem, weil die objektivierte Realität nicht die Gesamtheit des Realen einschließt. Es geht nämlich nur um den objektivierten Teil (Das Sein wird dadurch zu einem Seienden gemacht). Wir haben somit eine objektive Realität und eine verobjektivierende Theorie, die von einem äußerlichen Subjekt artikuliert wird. Was dabei verloren geht, ist die fundamentale und konkrete Subjektbezogenheit des Realen selbst (sein Sinn). Metaphysik ist daher keine wirkliche erste Philosophie, die die Totalität thematisiert. Sie ist im besten Fall eine objektivierende Theorie, die nur eine große Portion des Realen expliziert.