Subversion: Untergrabung, Dekonstruktion etablierter Normen, Wahrheiten und Machtstrukturen
Der vielfältig genutzte Begriff ›Subversion‹ hat sich in den letzten beiden Dekaden für alternative politische Konzepte als fruchtbar erwiesen, da die Globalisierungsprozesse und die Formierung der Kontrollgesellschaft flexibilisierte Kritikformen notwendig gemacht haben. In einer kleinen diachronen Diskursanalyse lässt sich zeigen, dass sich seit der Französischen Revolution im deutschsprachigen Raum vier Diskurse der Subversion nebeneinander gestellt haben: Im politisch-institutionellen Diskurs wird Subversion als revolutionärer Staatsumsturz verstanden; im künstlerisch-avantgardistischen Diskurs lässt sich Subversion als künstlerisch-prozessuale Bewegung beschreiben; im subkulturellen Diskurs als minoritäre Distinktion und im poststrukturalistischen Diskurs als Dekonstruktion. Diese Diskurse der Subversion bilden als ›Multitude‹ bzw. ›rhizomatische Bewegung‹ – bei allen Distinktionsbewegungen untereinander – eine neue Widerstandsbewegung, deren Praxen und Strategien sich jedoch immer wieder in Aporien verfangen und absorbiert werden.
Wenn wir heute an einem Punkt angelangt sind, wo wir uns keine Welt vorstellen können, die sich wesentlich von der unseren unterscheidet, wo anscheinend keine grundsätzliche Verbesserung gegenüber unserer derzeitigen Ordnung mehr denkbar ist, dann müssen wir auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte an ihrem Ende angelangt ist.
Die (europäischen) Gegenbewegungen zum westlichen Kapitalismus sind jedoch nur scheinbar in eine Lethargie verfallen. In den Folgejahren treten neue Kräfte auf den Plan, die die historischen Konzepte des Widerstands einer kritischen Prüfung unterziehen, neue Gegenwartsanalysen entwickeln und vermehrt den Begriff der Subversion für ihre Zwecke nutzen. 1993 führt Diedrich Diederichsen diesen Begriff, der schon in den 1980er Jahren ein Kampfbegriff für Künstler aller Disziplinen geworden war, in einem programmatischen Aufsatz wieder in die Debatte über das Verhältnis von Kunst und Politik als zentralen Begriff ein. Die »strategische und taktische Implikation« des Subversionsbegriffs bestimme »immer noch Perspektive und Selbstverständnis derjenigen Künstler […], die den Bezug auf die Welt, das Reale oder die Geschichte noch nicht aufgegeben haben«. Ein Jahr später vereint das Handbuch der Kommunikationsguerilla zahlreiche subversive Künstler und Gruppen (u. a. Dada, Maodada, Radio Alice, Kommune 1, Yippies, Gruppe ›Spur‹, William S. Burroughs) und Strategien in einem Reader. In dessen Einleitung heißt es: Kommunikationsguerilla will die Selbstverständlichkeit und vermeintliche Natürlichkeit der herrschenden Ordnung untergraben. Ihre mögliche Subversivität besteht zunächst darin, die Legitimität der Macht in Frage zu stellen und damit den Raum für Utopien überhaupt wieder zu öffnen. Etwa zeitgleich druckt die AG Spass muss sein den Reader Spaßguerilla – zehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen – neu, um »der allgegenwärtigen Frustration, Trägheit und Phantasielosigkeit etwas entgegenzusetzen« sowie »als Anstoß sich kritisch mit verschütteter Geschichte auseinanderzusetzen«. Auch in diesem Reader werden zahlreiche Beispiele subversiver Strategien präsentiert, u. a. Montage und Collage, Verfremdung (im Rückgriff auf Brecht) und das unsichtbare Theater als Untergrundaktion; der Text schließt seine Selbstkritik ein und endet mit einem Stück unter dem Titel Zum Teufel mit der Spaßguerilla; abschließend werden noch aktuelle Beispiele gelungener Spaßguerilla-Aktionen präsentiert.
Steht in der ersten Hälfte der 1990er Jahre also die Archivierung und Revision subversiver Strategien auf der Agenda, so entstehen ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre – parallel zur Formation der Bewegung für eine andere Globalisierung – umfassende theoretische Auseinandersetzungen mit dem Subversionsbegriff und seiner zukünftigen Nutzbarkeit. Martin Hoffmann versammelt 1998 in seinem Subversions-Reader aktuelle Reflexionen aus dem Bereich der Bewegungslehren, der militanten Konzepte sowie der Kultur- und Medienstrategien. Hoffmann nutzt den Begriff der Subversion, obwohl dieser »heutzutage, in den Zeiten kaum sichtbarer radikaler gesellschaftlicher Opposition, […] ziemlich überstrapaziert« werde: Partysanen feiern ihre illegalen Events, der privatisierte Kiffer inhaliert noch einen Hauch von Revolte, und wie subversiv Werbestrategen vorgehen, wissen wir nach der vollständigen Vereinnahmung des Revolutionsbegriffs. In demselben Jahr thematisiert die erste Nummer der neuen Folge der Zeitschrift Die Beute unter dem Titel Subversion des Kulturmanagements »das unglückliche Verhältnis zwischen politischer Linken und künstlerischer Opposition«, mit Beiträgen von und über u. a. Diedrich Diederichsen, Paul Gilroy, Jost Müller, Sascha Anderson, Bert Papenfuß und Christoph Schlingensief. Auch im neuen Jahrtausend setzt sich die Renaissance des Subversionsbegriff in Sammelbänden und Kunstausstellungen fort: Marvin Chlada, Gerd Dembowski und Deniz Ünlü geht es in ihrem Buch Alles Pop? Kapitalismus & Subversion um die Frage, »wie Subkultur & Underground in globalisierter Zeit aussehen könnten«. Sie versammeln u.a. Texte über und Gespräche mit Jürgen Ploog, Ira Cohen, Rolf Dieter Brinkmann, Social Beat/Slam Poetry, Rainald Goetz, Popliteratur, Einstürzende Neubauten, Tocotronic, Die Goldenen Zitronen, The Notwist, Kodwo Eshun.
Dass der Begriff der Subversion eine zentrale Funktion im politischen, wissenschaftlichen und ästhetischen Widerstandsdiskurs der letzten beiden Dekaden einnimmt, scheint somit eindeutig. Gleichzeitig wird dieser schillernde und vielgestaltige Begriff jedoch in höchst unterschiedlicher Weise genutzt. Der vorliegende Beitrag wird mit Hilfe einer kleinen diachronen Diskursanalyse versuchen, vier verschiedene Diskurse der Subversion, die sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts nebeneinander gestellt haben, zu differenzieren. Nach einer Abgrenzung des Konzepts der Subversion gegen den aufklärerischen und dialogischen Begriff der Kritik werde ich zunächst mein methodisches Vorgehen begründen. Dabei grenze ich mich von lexikalischen oder begriffsgeschichtlichen Bestimmungen des Begriffs ab und nutze mit Michel Foucault eine diskursanalytische Perspektive, um einen politisch-institutionellen, einen künstlerisch-avantgardistischen, einen minoritär-distinktiven sowie einen dekonstruktivistischen Diskurs der Subversion voneinander unterscheiden zu können. Schließlich werde ich in einem Fazit zusammenfassend die Diskurse der Subversion in ein Verhältnis zu den Konzepten ›Multitude‹ und ›Rhizom‹ setzen.
Als Effekt des aufklärerischen Denkens haben sich die westlichen Demokratien als Nationalstaaten Verfassungen und Parlamente gegeben, mit deren Hilfe sie die Herrschaftsverhältnisse stabilisieren und die Machtströme regulieren. Wer protestieren will, verfasst eine Beschwerde an die entsprechende Institution. Wer gerne eine andere Politik möchte, wählt eine andere Partei. Wer seine Rechte eingeschränkt sieht, wendet sich an ein Gericht. Subversion – so könnte man in einer ersten und noch zu allgemeinen Definition behaupten – setzt an jener Stelle ein, wo Protest, der Kampf für eine andere Politik oder gegen die eigene Minorisierung den Glauben an die vorgesehenen institutionellen und parlamentarischen Wege aufgibt. Der Fehler der Kritik und des Protestes in den Augen der Subversion ist, dass sie der Herrschaft immerzu vorwerfen, Fehler zu machen, dabei sei doch eine gelungene Herrschaft noch schlimmer als die armselige, misslingende, vertrottelte. Während die Verfahren der Kritik und des Protests gerade auf den Dialog angewiesen sind, sucht die Subversion die Verweigerung. Intellektuelle wie Heinrich Böll oder Günter Grass, die im Namen ›der‹ Menschenrechte ihre Appelle an ›die‹ Politik oder gleich ›die‹ Menschheit richten, erscheinen ihr nur als Witzfiguren. Jean-François Lyotard hat diesem Typus des bürgerlichen Intellektuellen 1985 ein Grabmal errichtet. In der postmodernen Welt nach dem Ende der großen Erzählungen lasse sich das Subjekt nur noch relational bestimmen, es wird kursiv gesetzt – und steht also gleichsam auf schwankenden Beinen. Dem Intellektuellen sei es unmöglich, seine Rede noch als eine universell gültige zu legitimieren: Es dürfte also keine ›Intellektuellen‹ mehr geben, und wenn es trotzdem noch welche gibt, so darum, weil sie blind sind gegenüber einem im Vergleich zum 18. Jahrhundert neuen Tatbestand in der Geschichte des Abendlandes: dass es kein universelles Subjekt oder Opfer gibt, das in der Wirklichkeit ein Zeichen gäbe, in dessen Namen das Denken Anklage geben könnte.
Gerade in diesem Ende des universellen Intellektuellen sieht Lyotard jedoch eine Chance: Gegen die »Obsession der Totalität« plädiert er für die »Vielheit der Verantwortlichkeiten« sowie »Geschmeidigkeit, Toleranz und ›Wendigkeit‹«, und somit für ›postmoderne Mikropolitiken‹.
Auch die binäre Struktur zwischen Herrscher und Beherrschtem, Herr und Knecht sei, so Gilles Deleuze, heute obsolet. In Abgrenzung von Foucaults Modell der ›Disziplinargesellschaften‹, die sich vom 18. bis ins 20. Jahrhundert formiert und die zu Disziplinierenden in den Einschließungsmilieus Familie, Schule, Kaserne und Fabrik sowie Klinik und Gefängnis organisiert und angeordnet hätten, beschreibt Deleuze die westlichen Länder im Jahre 1990 als ›Kontrollgesellschaften‹. Das Unternehmen löse die Fabrik ab, das lebenslange Lernen die Schule, die kontinuierliche Kontrolle die Examen – eine durchgängige, flexibilisierte Kontrolle ersetze die bislang vorherrschende vorübergehende Disziplinierung mit anschließendem Freizeitausgleich. Während ›Heim‹ und ›Arbeit‹ in der Disziplinargesellschaft noch geschiedene Systeme waren, ist die Heimarbeit in der Kontrollgesellschaft zu einem entscheidenden Faktor geworden. Die Kontrollgesellschaft etabliere neue Regime, »die Einführung des ›Unternehmens‹ auf allen Ebenen des Bildungs- und Ausbildungswesens« sei nur ein Beispiel auf dem Feld des Schulregimes. Dieser »fortschreitende und gestreute Aufbau einer neuen Herrschaftsform« (ebd.) entwickele zwar neue, offenere Formen der Macht, diese dienten aber noch immer zur Betonierung fundamentaler Ungerechtigkeiten – mit dem Unterschied, dass die Unterprivilegierten inzwischen an ihrer eigenen Diskriminierung mitarbeiteten, weil ihnen
keine andere Wahl bleibe. Es sei somit auch nicht mehr möglich, einen klaren Gegner oder Feind politischen Engagements zu benennen. »Die Windungen einer Schlange«, so schreibt Deleuze abschließend, »sind noch viel komplizierter als die Gänge eines Maulwurfbaus«. Ansatzpunkte des Widerstands seien heute schwerer zu finden; man müsse die Windungen der Schlangen nachahmen, heißt es auch im Glossar der Gegenwart: Wo jeder Einspruch als Feedback ins System eingespeist wird und seine Leistungsfähigkeit steigert, wo Nonkonformismus sich als avancierteste Form der Anpassung erweist, muss Kritik auf einen ›Standpunkt‹ verzichten und so flexibel werden wie ihre Gegenstände.
Somit wäre der Weg vom vermeintlichen Ende der Geschichte zu einer notwendigen Flexibilität der Kritik angesichts der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse geschlagen und die Aktualität des Subversionsbegriffs begründet.