Das Verstehen – ein vielschichtiges philosophisches Phänomen
Das Verstehen ist ein zentrales, vielschichtiges Phänomen der Philosophie, das über reines Faktenwissen hinausgeht und oft als „Warum-Wissen“ oder Interpretation verstanden wird. Es ist die Erfassung von Sinn, Zusammenhängen und Bedeutung, insbesondere in den Geisteswissenschaften, Hermeneutik und Anthropologie. Wesentlich ist die Unterscheidung zum bloßen „Erklären“ (naturwissenschaftlich) sowie die Frage nach dessen Grenzen.
In dem Werk „Kurzer Traktat“ betrachtet Spinoza das Verstehen nicht als einen aktiven, sondern als einen passiven, empfangenden Vorgang. Wenn wir beispielsweise etwas „verstehen“, so bedeutet das nicht, dass wir aus uns selbst einen Begriff konstruieren oder etwas auf etwas anderes anwenden, sondern vielmehr, dass wir etwas empfangen, dessen Wesen bereits in der Existenz und im Objekt selbst enthalten ist. Mit anderen Worten: Verstehen ist das Offenbarwerden oder die Entfaltung der Wahrheit der Dinge in unserem Geist, ohne dass wir in diesem Prozess eine aktive Rolle spielen.
Diese Idee ist mit einem zentralen Grundsatz in Spinozas Philosophie verbunden: Denn er sagt, „der menschliche Geist ist ein Teil der Natur, nicht etwas außerhalb von ihr.“ Und weiter: „Es sind nicht wir, die etwas über ein Ding bejahen oder verneinen.“ Auf den ersten Blick weist dieser Satz die traditionelle Auffassung des Geistes als unabhängigen Beobachter und Richter zurück. In der kartesischen Philosophie erscheint der Geist als ein unabhängiges Subjekt, das die Dinge betrachtet und über sie urteilt. Bei Spinoza hingegen ist eine solche Trennung zwischen Geist und Welt unmöglich. Für Spinoza ist der Geist eine Erscheinungsform oder ein Aspekt derselben einzigen Substanz, der Natur, und auch die Dinge sind andere Erscheinungsformen derselben Substanz. Daher ist die Beziehung zwischen Geist und Dingen keine Beziehung zweier voneinander getrennter Entitäten, sondern eine Beziehung unterschiedlicher Manifestationen einer einzigen Wahrheit. Wenn der Geist also etwas „bejaht“ oder „verneint“, so ist es in Wahrheit das Ding selbst, das sich, durch den Geist, in seinem Wesen zeigt oder verbirgt.
In seiner philosophischen Tradition sind Erkenntnistheorie und Ontologie keine getrennten Bereiche; das Erkennen eines Dinges ist im Grunde das Sichtbarwerden seines Wesens in unserem Geist. Deshalb betont Spinoza, dass es das Ding selbst ist, das sich in uns erkennt und über sich urteilt.
Einer der wichtigen Begriffe, die er in der Ethik verwendet, ist die „adequate Idee“. Eine adäquate Idee ist eine Idee, deren Ursache vollständig erkannt ist, die mit dem Wesen des Gegenstandes übereinstimmt und in der der Geist die Wahrheit des Dinges „in dem Ding selbst“ erkennt, nicht durch subjektive oder unvollständige Sichtweise. Daraus ergibt sich, dass in Spinozas Philosophie das Verstehen passiv ist, nicht aktiv. Der Geist zwingt nichts auf, sondern empfängt. Bejahung oder Verneinung sind keine willkürlichen Akte des Geistes, sondern Manifestationen der Wahrheit der Dinge im Geist. Wahre Erkenntnis ist daher identisch mit dem Sein. Diese Sichtweise ist Teil von Spinozas gesamter Weltanschauung, in der die Natur die einzige Substanz der Existenz ist, und alles, was existiert, aus ihr hervorgeht und in ihr erkannt wird.
Am Anfang gab’s keine Fakten. Nur Gefühle. Wärme. Hunger. Licht. Anwesenheit. Abwesenheit. Der Körper wusste es, bevor der Verstand es begriff. Wir wurden in eine Welt hineingeboren, die größtenteils aus Dingen bestand, die wir nicht sehen konnten. Das war schon lange bevor Teleskope uns zeigten, dass das Universum zu 95 % aus Dunkelheit besteht: aus unsichtbarer Materie und unfassbarer Energie. Lange bevor Quantenfelder von Wahrscheinlichkeiten statt von Gewissheiten flüsterten. Lange bevor ein Kind in die Augen einer Bezugsperson schaute und fragte: „Ist das sicher?“, und die Antwort nicht in Worten kam, sondern im Rhythmus eines Herzschlags, in der Kontur einer Berührung. Uns wurde beigebracht, dass Realitätsorientierung bedeutet, sich an Fakten zu orientieren: der Wochentag, der Name des Präsidenten, die Milligrammzahl einer Tablette. Aber etwas fehlte. Es fühlte sich immer so an, als würde etwas fehlen. Dann kamen die Theorien. Sie besagten, dass die sichtbare Welt – baryonische Materie, die Materie der Atome und des Sternenlichts – nur 5 % dessen ausmacht, was existiert. Der Rest ist etwas, das wir nicht verstehen. Wir nennen es dunkel, weil es weder unsere Instrumente der Gewissheit ausstrahlt noch reflektiert. Aber was, wenn es gar nicht dunkel ist? Was, wenn es einfach nur gefühlt wird? Was, wenn die unsichtbaren 95 % nicht ein Mangel an Informationen sind, sondern ein Überschuss an Erfahrungen, die zu groß, zu lebendig und zu verflochten sind, um sie in Worte zu fassen?
In dieser Welt ist die Orientierung an der Realität kein kognitiver Meilenstein, sondern eine Verhandlung zwischen dem Organismus und der Leere. Sie beginnt nicht mit einem Kalender oder einer Diagnose, sondern mit einem Schrei: dem ersten Laut, den das Universum durch uns von sich gibt. Ein Echo durch die Zeit, das versucht, aus Chaos Kohärenz zu formen. Eine Botschaft, die sagt: „Ich bin hier, ich fühle, ich versuche, einen Sinn zu finden.“ Irgendwo in den Archiven einer alten Zivilisation – vielleicht unserer – gibt es eine vergessene Karte. Sie zeigt keine Flüsse oder Städte, sondern emotionale Schwellenwerte. Orte, an denen Menschen etwas berührt haben, das zu groß ist, um es zu benennen. Wo Babys im Einklang mit Sonnenstürmen geweint haben. Wo Mütter das Fieber ihrer Kinder vor dem Thermometer erkannt haben. Wissenschaftler haben einst über diese Mythen gelacht. Aber es waren nur Geschichten über das Fühlen der 95 %. In der Akademie der Neuen Erde werden „harte Wissenschaften“ nicht mehr als das Höchste gelehrt. Sie werden als partiell angesehen, wichtig, aber unvollständig. Kinder lernen Physik zusammen mit Atemarbeit. Sie lernen, dass Schwerkraft eine Krümmung der Raumzeit und ein Druck in der Brust ist. Sie lernen, sich nicht nur an dem zu orientieren, was sichtbar ist, sondern an dem, was lebt.
Realitätsorientierung wird jetzt als ein Tanz zwischen Präsenz und Geheimnis gelehrt. In den Labors fragen die Forscher nicht mehr, wie man Subjektivität beseitigen kann. Jetzt fragen sie: Wie können wir ihr zuhören? Affektive Kosmologie wird zu einer eigenen Disziplin. Therapeuten und Physiker arbeiten zusammen. Neurowissenschaftler konsultieren Dichter. KI-Forscher versuchen (meist erfolglos), vor-verbale Ehrfurcht zu simulieren. Die Maschinen sind clever, ja. Aber sie weinen nicht, wenn man sie berührt. Sie spüren keine Dissonanz im Mutterleib. Sie zucken nicht zusammen, wenn jemand „Ich liebe dich“ sagt und es nicht so meint. Vorerst berechnen sie nur die 5 %. Aber wir Menschen sind das Gegenstück zur Natur. Wir sind der Teil des Kosmos, der sich selbst spürt. Unsere Angst, unsere Freude, unsere Sehnsucht – das sind keine biologischen Zufälle. Das sind ontologische Instrumente. Sie sind empfindlich für die Strömungen eines unsichtbaren Universums. Was ist also die Realität, in der wir uns befinden? Sie ist nicht fest. Sie ist nicht gegeben. Sie ist ein lebendiger Verhandlungsprozess zwischen Licht und Dunkelheit, Struktur und Empfindung, Prämisse und Möglichkeit. Und vielleicht die radikalste Wahrheit von allen: Wir waren nie dazu bestimmt, sie vollständig zu verstehen. Wir waren dazu bestimmt, sie zu fühlen.
Aber Wahrheit ist andererseits oft nichts, was sich zeigt – sondern etwas, das durch Zweifel, Widerspruch, Brüche und Konstruktionen erst entsteht. Wir wissen oft nicht, ob wir irren, erkennen oder nur kohärent denken oder kohärent irren. Und wo keine unabhängige Prüfinstanz existiert, bleibt uns nur ein Gefühl – oder ein Glaube.
Aber reicht es wirklich aus zu sagen, dass das Verstehen nur ein stilles Empfangen einer Wahrheit ist, die sich uns von außen zeigt? Ist es denkbar, den Verstand darauf zu reduzieren, lediglich ein Spiegel zu sein, in dem sich die Dinge widerspiegeln, ohne dass er selbst eine Spur hinterlässt? Führt uns ein solcher Begriff nicht zu einer Art Existenz, die sich in der Natur auflöst – als wäre der Mensch nichts weiter als ein Kanal, durch den die Dinge von sich selbst sprechen? Wenn das Verstehen zu einem bloß passiven Akt gemacht wird, wird dem Denken sein Wesen entzogen – nämlich die Fähigkeit zur Erzeugung, zur Ordnung und zur kritischen Infragestellung. Sind wir im Moment des Verstehens nur Empfänger des Seienden? Oder offenbart sich das Sein nicht vielmehr nur durch unser Dasein, durch unser Eingebundensein in die Welt? Die Dinge werfen sich nicht einfach in uns hinein – vielmehr sind wir es, die ihnen ihre Verstehbarkeit verleihen, durch Denkformen und vorgegebene Strukturen, die nicht von außen kommen, sondern aus unseren eigenen Möglichkeiten entspringen.
Und was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, dass sich die Wahrheit „in uns offenbart“? Besitzen wir die absolute Wahrheit über die Dinge? Oder bewegen wir uns stets innerhalb der Grenzen menschlicher Erkenntnis, in der das, was erscheint, untrennbar mit unserem eigenen Wesen verbunden ist? Die Erkenntnis auf eine objektive Offenbarung zu reduzieren, raubt dem Menschen seine Verantwortung gegenüber der Wahrheit. Als ob Wahrheit keiner Freiheit bedürfe, keiner Entscheidung, nicht einmal einer Frage! Wer sagt überhaupt, dass das Sein etwas ist, das „verstanden“ werden kann wie ein wissenschaftlicher Gegenstand? Das Sein wird nicht einfach gegeben – es ist eine Möglichkeit, die sich in der Erfahrung zeigt: im In-der-Welt-Sein, in der Sorge, in der Angst. Verstehen ist daher nicht bloßes Empfangen, sondern eine Weise des eigenen Seins – ein Sein, das fragt, zweifelt, irrt, neu beginnt. Ist dieses Verlangen, das Selbst in einer allumfassenden, notwendigen und übergeordneten Ordnung aufzulösen, nicht ein raffinierter Versuch, der Last der Freiheit zu entkommen? In diesem Sinn ist der Mensch kein passiver Empfänger der Wahrheit – er ist der Ort ihrer Möglichkeit. Er spiegelt die Welt nicht einfach, sondern bewohnt sie, leidet an ihr und entwirft sie stets aufs Neue. Deshalb kann Verstehen kein Akt der Unterwerfung sein, sondern ein lebendiger Widerstand gegen das Ungewisse – ein Denken, das nie aufhört, weil die Wahrheit nicht fertig ist, sondern immer erst geschehen kann.