Die strukturelle Unmöglichkeit von Authentizität
Authentizität bezeichnet philosophisch betrachtet das Streben nach einem "wahren Selbst", bei dem Handlungen, Werte und Überzeugungen im Einklang stehen, statt sich gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen. Sie fordert Ehrlichkeit zu sich selbst, Selbstreflexion und die bewusste Integration der eigenen Persönlichkeit. Existenzialisten wie Heidegger betonen die Abgrenzung vom "Man" (der Masse) zur Eigentlichkeit.
Authentizität ist jedoch unter Beschämungsbedingungen kaum möglich, weil wir nicht in einer „wertorientierten“ Gesellschaft leben, sondern in einer bewertungsgetriebenen Gesellschaft. Und Bewertung ist kein harmloser Akt, sie ist Machtausübung. Bewertung entscheidet darüber, wer dazugehört, wer beschämt wird, wer moralisch auf- oder abgewertet wird, wer sprechen darf und wer sich rechtfertigen muss. In einem solchen System ist das Selbst nicht sicher. Und wo das Selbst nicht sicher ist, zeigt es sich nicht. Das ist kein psychologischer Nebenaspekt, sondern eine strukturelle Unmöglichkeit von Authentizität. Scham ist kein Gefühl. Scham ist ein Alarmzustand. Scham ist kein „schlechtes Gewissen“. Scham ist ein existentieller Bedrohungsaffekt. Scham sagt nicht: „Du hast etwas falsch gemacht.“ Sondern: „Du bist falsch.“ Neurobiologisch heißt das: Rückzug, Anpassung, Maskierung, Verhaltenssteuerung nach außen. Scham fragt nicht nach Wahrheit. Scham fragt nach Überleben. Und eine Gesellschaft, die permanent beschämt – moralisch, sozial, medial, subtil – trainiert ihre Mitglieder nicht auf Wahrhaftigkeit, sondern auf Schadensbegrenzung.
Authentizität setzt zudem Sicherheit voraus – nicht Mut. Es ist ein großer Mythos, dass Authentizität Mut erfordert. Nein. Authentizität erfordert Sicherheit. Ein sicheres Nervensystem zeigt sich von selbst. Ein unsicheres Nervensystem tarnt sich zwangsläufig. Wer in einer beschämenden Umgebung „authentisch“ sein will, ist entweder sozial privilegiert, blind für die Machtverhältnisse oder suizidal ehrlich (und wird aussortiert) Alles andere ist Rhetorik. Der Authentizitätsimperativ ist Gewalt! „Sei authentisch“ klingt harmlos. Ist es aber nicht. Denn es bedeutet faktisch: „Zeig dich – und trage allein die Konsequenzen.“ In einer Kultur ohne Fehlertoleranz, ohne Ambivalenzfähigkeit, ohne Schutzräume, ist das keine Einladung, sondern eine Zumutung! Der Imperativ ist doppelt pervers: Zeigst du dich, wirst du beschämt. Schützt du dich, wirst du als unecht verurteilt. Das ist ein klassischer Double Bind. Und Double Binds machen krank. Was stattdessen entsteht: Simulation. Unter Dauerbewertung entstehen keine Selbst, sondern gekünstelte Avatare. Menschen entwickeln sprechfähige Haltungen, moralisch anschlussfähige Identitäten, zeitgeistkompatible Meinungen, emotionsregulierte Außenfassaden. Nicht, weil sie lügen wollen, sondern weil Unmaskiertheit bestraft wird. Authentizität wird dann - performt - gecoacht - gelabelt - verkauft … Aber nie gelebt.
Coaching ist kein Ausweg – es ist Teil des Problems. Das moderne Coaching-Vokabular ist die Sprache der Simulation. Es verspricht Selbstfindung, Authentizität, innere Wahrheit - liefert aber Optimierung, Selbstüberwachung, Rollenkohärenz. Coaching sagt nicht: „Du darfst widersprüchlich sein.“ Sondern: „Finde eine konsistente Version von dir, die funktioniert.“ Das ist kein Selbst. Das ist ein Produkt. Gerade die Instabilen fordern häufig Authentizität ein, denn Menschen mit instabilem Selbstwert können die Ambivalenz nicht aushalten. Sie brauchen klare Zuschreibungen, eindeutige Rollen, verlässliche Identitätsmarker. „Sei authentisch“ heißt dann: „Bleib bitte berechenbar für mich.“ Authentizität wird also zur Kontrollforderung. Und wer ihr nicht entspricht, wird als falsch, toxisch oder unecht markiert.
Die bittere Wahrheit: Authentizität existiert nicht dort, wo Beschämung regiert. Nicht, weil Menschen schlecht wären. Nicht, weil sie feige wären. Sondern weil die Gesellschaft es sich selbt verunmöglicht. Was wir sehen, ist folglich kein Mangel an Mut, sondern ein Übermaß an sozialem Risiko. Die unerquickliche Pointe: Wenn Authentizität wirklich existieren soll, müssten zunächst die moralische Dauerbewertung, öffentliche Beschämung, performative Tugend und Identitätszwang verschwinden. Solange das nicht geschieht, ist Authentizität kein Ideal, sondern eine Illusion mit Schuldzuweisung. Oder brutal gesagt: In einer Beschämungskultur ist Authentizität keine Tugend, sondern ein rhetorisches Opfer, das von Menschen verlangt wird, die selbst nicht wagen, ungeschützt zu existieren. Folglich ist die Frage, ob Authentizität selektives Vorgehen erlaubt, ein Symptom eines hohen Anpassungsdruckes sich einen Avatar zusammenzubasteln, der einen zuverlässig davor schützt, von anderen negativ bewertet oder beschämt zu werden. Es ist folglich Ausdruck vom Gegenteil der Authentizität und der Beleg dafür, wie permanent gefährdet das Selbst in einer Beschämungskultur ist.