Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Bedeutungslosigkeit des Menschen: Existenzielle Sinnlosigkeit in einer gleichgültigen Welt

Während der Nihilismus das Fehlen eines höheren Sinns betont, transformiert der Absurdismus (Camus) diese Erkenntnis in eine Freiheit, das Leben trotz Sinnlosigkeit zu gestalten. Es ist eine Konfrontation mit Endlichkeit und Zufälligkeit, die oft in Angst (Heidegger) mündet, aber auch zur Selbstverantwortung auffordert.

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen: Seit der erste Mensch seine Augen zum Sternenhimmel aufgerichtet hat, fragen wir uns nach dem Sinn des Ganzen. Auf diese Frage wurden immer wieder verschiedene Antworten gefunden, zumeist magische und religiöse Antworten. Bis einige vom Glauben abgefallene Philosophen auf die naheliegendste Antwort kamen: "Es gibt keinen Sinn." Diese Antwort ist erst mal erschreckend und kommt kurz vor der Erkenntnis, dass es ein absurder Zufall ist, dass - um es mit Heidegger zu sagen - überhaupt irgend etwas ist und nicht vielmehr nichts (Teilchenphysiker mögen hier gern widersprechen). Man könnte also sagen, es sei besser, Sinn zu schaffen, anstatt ihn zu suchen. Aber auch da gibt es Zweifel, zum Beispiel bei Albert Camus, dem die Sinnlosigkeit das ganze Leben zu transzendieren schien. Das Absurde ist bei Camus nicht nur eine unumgehbare und unbewegliche Tatsache, sondern ein Stein den wir unser Leben lang immer wieder den Berg hinaufrollen müssen. In dieser Auflehnung gegen die absurde Zumutung, die das am Ende hoffnungslose Leben ist, besteht die einzige Möglichkeit der Würde. Der Stein des Sisyphos steht für die konkrete Tat, die der Mensch gegen die Schwerkraft des Sinnlosen in Anschlag bringt: Trotzdem leben, trotzdem selbstbestimmt handeln. Die Tat ist gleichzeitig Auflehnung gegen das Absurde und Eingeständnis aller Sinnlosigkeit dessen, was über sie selbst hinausgeht.

Die Sinnlosigkeit ist der eigentliche wunde Punkt des Menschen. Hier entsteht erst die Reibung, die uns zu schaffenden Menschen macht. Wenn wir das Absurde hintergehen, indem wir uns eine große Sinn stiftende Kraft imaginieren oder indem wir die Augen verschließen und uns vollkommen gott- und seinsvergessen mit Sorgen, Konsum und Substanzen betäuben, nehmen wir uns die eine große Herausforderung, die uns Menschen definiert. In vielerlei Hinsichten starren wir immer wieder ohne viel Hoffnung ins Nichts, sei es das eigene unfassbar begrenzte Leben, furchtbare Kriege oder die unaufhaltsam scheinende Naturvernichtung. Und vielleicht ist es das, was wir lernen müssen: Absurde Hoffnungen fahren lassen, damit wir zu Sinnen kommen und uns den sich stellenden Herausforderungen zuwenden können. Das eigene und einzige Leben als Auflehnung gegen die endlos reproduzierte Sinnlosigkeit und seine traurigen Umstände. Obwohl auch diese Auflehnung nichts hilft, denn das Absurde findet per Definition keine Auflösung, es ist eine einzige Dissonanz (das lateinische ab-surdus heißt wörtlich übersetzt misstönend), in der nichts zusammenpasst. Es findet höchstens irgendwann ein wiederum absurdes Ende: Wenn wir sterben. Bis dahin stehen wir jeden Tag trotzig auf, gehen zur Arbeit und rollen den Stein den Berg hinauf.

Der größte Teil dieser Sisyphos-Arbeit ist das Herstellen von Beziehungen und Kontexten. Arbeit zum Beispiel ist nicht nur der sklavische Gang zum täglichen Broterwerb, oft genauso wichtig sind die Beziehungen, die wir dort etablieren, die Errungenschaften, die wir uns dort erarbeiten oder auch der soziale Status, der mit Arbeit einhergeht. Ebenso ist es mit Mitgliedschaften, Hobbys und Leidenschaften, die unser Leben in Kontexte stellen. Noch deutlicher ist es bei Familie und Freunden, die gewissermaßen sinnstiftend sind. In dieser Lebenswelt, in der Beziehungen und Kontexte einen Sinnzusammenhang wie einen wärmenden Kokon um uns herum weben, kann man das kalte Universum und die Sinnlosigkeit, die dort alles durchdringt gern vergessen. Umgekehrt hilft uns die philosophische Perspektive auf das "nackte" Leben als absurd, denn erst damit verstehen wir auf der einen Seite die Wichtigkeit unserer Beziehungen untereinander. Auf der anderen Seite schützt uns so ein Verständnis vor naiven Erwartungshaltungen, die zu Enttäuschungen führen müssen und es macht uns immun gegen die Verführung durch Scharlatane. Es ist also nicht ganz schlecht, dass wir diesen schweren Stein der Sinnlosigkeit vor uns herschieben, das ist besser, als nichts. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", sagt Albert Camus.