Besitz – Spannungsfeld zwischen persönlicher Entfaltung und ethischer Verantwortung
Besitz ist die tatsächliche Verfügungsgewalt über eine Sache, die Identifikation, Sicherheit und Freiheit ermöglichen kann, aber auch zu Habgier und Entfremdung führt. Es unterscheidet sich vom rechtlichen Eigentum und wird oft als Erweiterung des eigenen Körpers oder als Mittel zur Entfaltung verstanden. Besitz kann sowohl als "Segen" für die persönliche Freiheit als auch als "Fluch" der materiellen Bindung gesehen werden.
Besitz erfüllt das menschliche Bedürfnis nach Identifikation und Exklusivität. Es bietet die Möglichkeit, sich in der Welt zu verankern. Während Eigentum Unabhängigkeit und ein "freies Schweben" (Sloterdijk) ermöglichen kann, warnt die Moralphilosophie vor der Gefahr der Besessenheit, bei der Besitz den Menschen beherrscht. Manche Soziologen begründen Eigentum auch durch die Vermischung der eigenen Arbeit mit der Natur. Besitz wäre somit eine Verlängerung des eigenen Körpers. Es wird auch unterschieden zwischen dem notwendigen Gebrauchseigentum (Werkzeuge, persönliche Dinge) und dem exzessiven Herrschaftseigentum (Dominium), das oft sozial kritisiert wird. Im Sinne der sozialen Marktwirtschaft ist Eigentum an das Gemeinwohl gebunden, was Umverteilung rechtfertigt. Platon sah in seiner Politeia vor, dass die herrschende Klasse (Wächter) kein Privateigentum haben sollte, um Korruption zu vermeiden.
Die Grundidee der kynischen Philosophie bestand darin, jeglichen Besitz auf das Allernotwendigste zu reduzieren, um Glückseligkeit durch größtmögliche Unabhängigkeit von äußerer Hilfe zu erreichen: „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde“.
Ist das heute noch lebbar? Es ist lebbar, seinen Besitz auf das Allernotwendigste zu reduzieren. Denn wozu brauchen wir all die ganzen Dinge? Es ist aber auch gleichzeitig dermaßen "schwer" - da überall neue Verlockungen lauern, weil wir Menschen unser Sein oft mit dem messen, was wir besitzen und weil die Gesellschaft auch darauf schaut, was man "hat". Diogenes, ein radikaler antiker griechischer Philosoph und Mitbegründer des Kynismus, lebte äußerst genügsam und versuchte, mit so wenig Besitz wie möglich auszukommen. Eines Tages sah er ein Kind, das Wasser mit seinen bloßen Händen trank. Daraufhin war er so beeindruckt von der Einfachheit dieser Handlung, dass er sofort seine eigene Trinkschale wegwarf und sagte: „Ein Kind hat mich in Genügsamkeit übertroffen”.
Bei mir ist es so, dass mein Besitz nicht nur das "Allernotwendigste" hat, obwohl ich sehr bescheiden lebe. Der Gedanke, dass “weniger ist oft mehr” ist, gefällt mir. Eigentlich ist es eine duldsame Inkonsequenz, wenn man unnötigen Zierrat oder viel zu viele Kaffeetassen hat und die Sachen nicht entsorgt. Andererseits sind diese Dinge oft noch mit Erinnerungen behaftet, und ich finde es auch wichtig, dass alles, was man hat, auch liebt. Das heißt, Liebe zu den Dingen bekommt manchmal Bedeutung als eine Art "Erdung", die mich in der Realität sicher hält. Beschäftigt man sich zu einseitig mit geistigen Dingen, hebt man ab, wenn man diesen Rückbezug zum Dinglichen nicht hat. Nur das Allernotwendigste besitzen kann auch einen Nachteil haben, wenn man unvorhergesehen etwas braucht, sozusagen aus der Reserve. Denn auch beim Hausrat gilt, dass ein gewisser Reservebestand wichtig sein kann, z.B. wenn jemand aus der Familie plötzlich eigenen Bedarf hat oder etwas kaputt gegangen ist.