Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Das Christentum war subversiv und gefährlich

Die ersten Anhänger

Der christliche Glaube gilt meist als westliches Phänomen. Doch anfangs breitete sich die Lehre Jesu vor allem im Osten aus. Sogar im heutigen Afghanistan gab es Bischöfe. Selten gab es so viel religiöse Vielfalt im Nahen Osten wie in der Antike: Griechisch-römische Götterwelt, Ägyptische Kulte, Judentum und vieles mehr. Dann aber stieg von Palästina aus das Christentum auf mit einer konsequenten Entwicklung. Natürlich ist der Vorgang erstaunlich, aus mindestens zwei Gründen: Das Christentum war weit beständiger als andere Glaubensrichtungen, und es erstreckte sich bald auf ein verblüffend großes Gebiet, vor allem nach Osten, sodass es schließlich eine Weltreligion werden konnte. Aber wie ist das zu erklären? Denn Erlösungsprediger gab es zur Zeit Jesu in Mengen, das haben ja schon die britischen Filmsatiriker der "Monty Python"-Truppe in ihrer frechen Evangelienparodie "Das Leben des Brian" gezeigt. Ein Argument klingt sogar plausibel: Jesus gewann Vorsprung gerade dadurch, dass man ihn kreuzigte; so jemand meinte es offenbar ernst: Eine reichlich zynische Betrachtungsweise. Ebenso wichtig scheint, dass sich sehr früh im Christentum Strukturen bildeten. Das geschieht normalerweise nicht bei gesellschaftlichen Außenseitern. Also: Jesus löste mit seiner Botschaft echten Widerhall aus; die Menschen, die ihm und seiner Lehre folgten, fühlten sich wirklich verwandelt, und das beeindruckte immer mehr Menschen.

Anfangs gab es eher kleine, verstreute Gemeinden, wie das in den Briefen des Paulus um das Jahr 55 steht, mit oft verschiedenen Lehrschwerpunkten. Die Quellen zeichnen oft ein einseitiges Bild. So breitete sich das Christentum am Mittelmeer keineswegs sehr rasch aus. Im Osten, in Asien dagegen hatte es schneller Erfolg, bis nach Indien. Um das Jahr 600 findet man von Mesopotamien, z.B. in Basra, bis ins heutige Afghanistan und in Kaschgar eine Menge Erzbischöfe, also schon sehr gefestigte Strukturen. So etwas wird in westlichen Kirchengeschichten kaum erwähnt, dass es in Richtung Osten schneller ging. Darüber können wir fast nur spekulieren. Offenbar bildete sich gerade die richtige Mischung von Motivationen heraus, die geeignete Atmosphäre für Bekehrungen. Religionen, die ewiges Leben versprachen, waren offenbar recht attraktiv. Der christliche Lebensstil mit seiner Grundansicht, dass Tugenden belohnt werden, erschien plausibel. Nicht zu stehlen, dem Nachbarn nichts anzutun und dergleichen war kein bloßer Rechtssatz mehr, auch nicht an Belohnung oder Profit geknüpft, sondern wurde zur persönlichen Überzeugung aufgewertet. Christen, die es ernst meinten, erschienen als bessere Menschen, als Menschen mit einem echten Lebenszweck. Natürlich ist auch Gruppendruck dabei, natürlich braucht es eine kritische Masse, um die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen. Aber das gelang eben erstaunlich oft. Übrigens, rund um das Mittelmeer scheint sich das Christentum vornehmlich durch Frauen verbreitet zu haben, speziell Frauen von hohem gesellschaftlichem Status. Sie fanden damit offenbar eine Stimme, gesellschaftlich wie spirituell. Im Mittleren Osten spielte ein anderer Faktor mit: Hier war der Blick weiter, man handelte mit Kulturen in aller Welt, war neugierig auf kluge Weltanschauung.

Es ginge wohl zu weit, anzunehmen, dass es auf einmal modisch war, Christ zu sein. Schließlich riskierte man in den frühen Jahrhunderten einiges. Christen waren Verfolgungen ausgesetzt, nicht nur im römischen Kaiserreich, auch unter den Sassaniden, die in Persien den Zarathustra-Glauben recht gewaltsam durchsetzten. Aber tatsächlich machten "Heilige", die ihren Glauben - auch und gerade als Askese - lebten, weithin Eindruck. Strenge und Disziplin, gerade solche anti-individualistischen Merkmale genossen Achtung. Ähnliches ist heute interessanterweise am radikalen Islam zu beobachten. Nun verlangte nicht nur das Christentum Selbstzucht, auch Juden, Zoroastrier, Buddhisten und andere taten das. Das Christentum trat ausdrücklich als nicht-elitär auf. Dadurch stand es über den sozialen Schranken, ja jenseits von ihnen. Es war subversiv und intern gemeinschaftsbildend zugleich, deshalb erschien es den Kaisern ja als so gefährlich. Und gewandt im Anpassen war es auch - z.B. gibt es ein Dokument, worin der Heilige Geist mit der Heiligkeit eines Buddha parallelisiert wird. Ganz zu schweigen von hellenistischen Denkern wie Clemens von Alexandria um das Jahr 200, die dem Christentum mit seiner dem Volksglauben nahen Bildlichkeit philosophische Würde verliehen und es so auch für die Gebildeten akzeptabel machten. Auch sollten wir nicht vergessen, dass das Christentum eine sehr menschliche Religion ist, dass es den Gläubigen auf seiner Lebensreise begleitet, dass es Mitteltöne zulässt, während es bei Zarathustra und Buddha doch eher um ein Schwarzweiß, um Reinigung vom irdischen Ballast und Leiden geht.

Konstantin der Große, der Gründer Konstantinopels und erste Imperator, der das Christentum als Glaubensrichtung anerkannte, war selbst bis kurz vor seinem Tod Verehrer des Sol invictus, huldigte also der Sonne als oberster Gottheit. War in solchen Kulten der Monotheismus angelegt? Das ist eher eine Streitfrage für Professoren. Sol invictus war eine von vielen Gottheiten im erstaunlich reichen, pluralen Spektrum antiker Religiosität. Wichtiger ist doch, dass die Evangelien bezeugten, Christus sei der Sohn Gottes. Und der wird hingerichtet! Und er überwindet den Tod! Dieser Sieg in der Niederlage rührt emotional an, er verbindet die Menschen viel existenzieller mit der Gottheit als der antike Glaube, wo Halbgötter, Dämonen und zahllose andere Zwischenwesen agieren. Alles in allem: Das Christentum scheint einfach ein attraktives Gesamtkonzept angeboten zu haben. Sehr wahrscheinlich spielten auch säkulare Faktoren eine Rolle.

Im Kaukasus blühte das Christentum auf, weil man sich von den verhassten Sassaniden noch besser abgrenzte. Man zeigte eben im Glauben seine Identität. Auch später erweist sich die armenische Christenheit dann als besonders eigenwillig. Ob das Christentum den Fall des Römischen Reiches mit verschuldet hat bleibt eine Streitfrage: Die Völkerwanderung war eine Kettenreaktion, sie wurde durch Klimaveränderungen ausgelöst, die zu einem kriegerischen Druck von Steppenvölkern aus dem Nordosten führten. Als das Imperium unter den Angriffswellen in die Defensive geriet, war es im Inneren schon christlich; die Kaiser hatten sich ja für das Christentum entschieden, gerade weil sie es als stabilisierenden Faktor betrachteten.

Zudem war der Jesusglaube in den frühen Jahrhunderten keineswegs normiert. Man weiß von Synkretisten, die mehreren Religionen zugleich oder einem Mischmasch huldigten. Doch in der Regel achtete man auf Exklusivität. Aber es gibt Inschriften und Münzen aus dem Reich von Kuschan, dessen Zentrum in Nordwestindien und im Hindukusch lag, die zeigen, dass der Herrscher, obwohl er prinzipiell den Buddhismus förderte, sich als Erlöser, ja als Gottessohn darstellen ließ. Das mag politisch ein kluger Schachzug gewesen sein, aber natürlich ist es ebenso sehr eine spirituelle Aussage, in der offenbar christliche Elemente aufgegriffen sind.

Christenverfolgungen fanden aber auch im Osten statt. Es gibt eine Menge Märtyrergeschichten, überwiegend aus der Sassanidenzeit. Wir müssen uns klarmachen, was das heißt: Die Menschen waren damals sicher geistig nicht beschränkter als heute. Sie entschieden sich meist sehr bewusst, einer Religion zu folgen. Fragen wie: "Worin finde ich Seelenfrieden, welcher Lehre vertraue ich?" konnten existenziell sehr wichtig sein.

Aber es waren längst nicht alle tief religiös. Die meisten im Perserreich werden das Glaubensproblem etwa so betrachtet haben, wie wohl heutige Europäer mehrheitlich denken: Es kümmerte sie kaum. Immer aber gab es lautstarke Minderheiten, die ihre Botschaften verkündeten und unablässig in Streit lagen. Es gab sozusagen eine Konkurrenz der Religionen um Anhängerschaft. Wenn zum Beispiel der Schah die Christen schützte, war das ein Durchbruch.

Gerade in den ersten Jahrhunderten traten neue, oft dualistisch geprägte Religionssysteme auf wie der Manichäismus oder die Verehrung des Stiertöter-Heilands Mithras. Inmitten solcher Konkurrenz musste das Christentum unentwegt sein Profil schärfen. Doch wenn es um Erlösung und den richtigen Weg zu Gott geht, dann gibt es kein Ungefähr. Alles muss stimmen: Was sagte Jesus wirklich? Wie ist ein Bibelspruch oder eine dogmatische Vorschrift zu verstehen? Oder jenseits der heiligen Schriften: Unter welchen Umständen darf jemand wieder heiraten? Darf ich meinen Sklaven auspeitschen? Wenn ein Kind vor der Taufe stirbt, kann es dennoch in den Himmel kommen? So fingen die Bischöfe an, in Streitschriften und Konzilien über Fragen zu debattieren, die uns heute manchmal furchtbar kleinkrämerisch vorkommen und selbst für Fachleute nicht leicht verständlich sind. Das Risiko lag nahe, viele Gläubige zu verschrecken. Aber in erster Linie rang man tatsächlich um die richtigen Antworten. Nun weiß jeder, der mal in einem Komitee saß, dass da Kompromisse nötig werden. Oft aber verheddert man sich auch in bizarren Sonderfällen. Die Bischöfe haben die Herausforderung insgesamt erstaunlich gut bewältigt. Schon bald nach dem Jahr 300 war der Klerus so einflussreich, dass man auf seine Beschlüsse achtete. Ketzerverfolgung wird ein wichtiger Weg, Autorität zu behaupten. Das zeigt sich noch Jahrhunderte später in den diversen Kirchenspaltungen, vom Großen Schisma 1054 bis zur Reformation und weiter.

Ein entscheidender Schritt war die Ausbreitung des Christentums jenseits der dicht bevölkerten Zone von Gibraltar bis zum Ganges, etwa nach Norden. Steppenvölker, slawische Stämme, germanische Stämme, selbst Nomaden wurden missioniert. Offenbar gelang das den Christen besser als anderen Religionen. Stadtbewohner neigen seit je dazu, auf Landbewohner herabzublicken, sie als dumme Bauern und wilde Barbaren zu verachten. Auch vom Christentum gab es eine Metropolen-Version für Intellektuelle, aber letztlich richtete sich seine Botschaft an alle Menschen. "Gehet hin und lehret alle Völker", hatte Jesus gesagt. Das trieb die Missionare an - samt der Aussicht, ein heiliges Werk zu verrichten, die eigene Seele zu retten und schlimmstenfalls als Märtyrer zu enden. Um 550 ist sogar auf der Insel Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, eine christliche Gemeinde bezeugt.

Die christliche Lehre mit der Dreieinigkeit und anderen Formeln war schwieriger vermittelbar als etwa der Zarathustra-Glaube. Dennoch hatten die Missionare viel Erfolg. Es waren wohl gute Prediger. Bisweilen passten sie ihre Lehre den örtlichen Bedingungen an, griffen buddhistische oder germanische Jenseitsvorstellungen auf. Schließlich schafften sie es sogar, dass der Kaiser von China im Jahr 635 seine Abgrenzung aufgab und den christlichen Glauben als gleichberechtigt anerkannte. Genau weiß man nicht, wodurch, ob Hartnäckigkeit oder Zielbewusstheit eine Rolle spielten. Aufseiten des Kaisers spielt vermutlich die Einsicht mit, dass es seine Stellung nicht schmälerte, sondern ihr zugutekam, wenn Handelspartner aus dem fernen Westen sich respektiert sahen.

Schon früh ist das weit nach Osten vorgedrungene Christentum von den theologischen Debatten im Westen abgekoppelt: Am Konzil von Nicäa 325 nehmen die persischen Christen nicht mehr teil. In vielen Kirchengeschichten wird der Osten nicht mehr erwähnt. Diese Gemeinden blühten weiter, und zwar erstaunlich lange. Als Ende des 15. Jahrhunderts die Portugiesen nach Indien vordrangen und etwas über Jesus und das Christentum erzählen wollten, bekamen sie zur Antwort: Hier steht doch unsere Kirche. Bis etwa 1300 gab es in Asien mehr Christen als in Europa. Noch der frühe Islam ließ die Christen oft unbehelligt; der Kalif hat Synagogen und christliche Kirchen wiederherstellen, teilweise sogar bauen lassen. Natürlich um der politischen Stabilität willen. Aber die sogenannten Schriftreligionen werden im Koran - mit seinem komplizierten, oft in sich widersprüchlichen Text - eben auch besonders behandelt. Den Glauben durch Furcht zu verbreiten, erschien unweise; Jerusalem und Alexandria ließen sich nicht einfach islamisch machen, milde beschrieben. Denn der Glaube des Propheten wurde aus christlicher Sicht in raschen, brutalen Eroberungszügen verbreitet und muslimische Historiker erzählen verständlicherweise vom Triumph des Islam. Natürlich gab es immer wieder Unterdrückung, aber nicht unentwegt und überall. Weit im Osten, etwa im zentralasiatischen Samarkand, schauen Muslime interessiert auf den Erfolg des christlichen Glaubens. In Tatarstan huldigt man nach der Eroberung äußerlich dem Islam, aber wenn die neuen Herren wegschauen, betet man wieder zum altvertrauten Sonnengott. Solche Mischungen, solche Durchlässigkeit wird es vielfach gegeben haben.

Historiker sind gewiss mehr an Ähnlichkeiten und Kulturbeziehungen als am Schicksal einzelner Gruppen interessiert - alles andere wäre einseitig und würde zu falschen Schlüssen führen. In diesem Zusammenhang ist noch die Sache mit dem Heiligenschein erwähnenswert: Wenige wissen, dass der Heiligenschein als Bildsymbol in erstaunlich vielen Religionen existiert: im Hinduismus, Buddhismus, Zoroastrismus und natürlich im Christentum. Da müssen gegenseitige Einflüsse am Werk gewesen sein. Genau wird sich das nicht mehr aufklären lassen. Aber der Sachverhalt genügt eigentlich. Wer so etwas weiß, dem wird klar, dass Religionen sich unentwegt gegenseitig anregen und die spirituelle Suche des Menschen immer neue Formen findet.