Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Philosophie der Emotionen: Von Achtung bis Zorn

In der Philosophie werden Emotionen nicht mehr als bloße Gegenspieler der Vernunft gesehen, sondern als komplexe, wertende Einstellungen, die eng mit Überzeugungen und Handlungsbereitschaft verbunden sind. Sie dienen als Erkenntnisquelle, indem sie auf Bewertungen (z.B. "gefährlich") basieren, und sind essenziell für moralisches Urteilen, soziale Interaktion und die Verbindung zur Welt. Es geht dabei um die zentralen Aspekte der Rolle von Emotionen als kognitive Urteile. Viele Theorien, besonders Vertreter des Kognitivismus, sehen Gefühle als eine Form des wertenden Urteils oder als Überzeugungen, die inhaltliche Beziehungen zu Vernunft haben. Auch Motivation und Handlungsbereitschaft spielen dabei eine entscheidende Rolle, wobei Emotionen als Motive verstanden werden, die uns auf Handlungen vorbereiten, also nicht nur passive Zustände sind. Durch ihre Beziehung zur Welt (Phänomenologie) verbinden Emotionen das Individuum mit ihr, indem sie helfen, die Bedeutung von Ereignissen zu erfassen. Dabei sind Moral und Bewertung grundlegend für moralische Urteile über Gefühle, weil sie es ermöglichen, Situationen als "gut" oder "schlecht" zu bewerten. Emotionen sind zudem sozial geprägt und werden durch Normen und Werte beeinflusst, die bestimmen, welche Reaktionen in bestimmten Situationen angemessen sind. Historisch, etwa bei den Stoikern, wurden Emotionen oft als unvernünftig und als falsche Urteile abgelehnt. Moderne Ansätze betonen jedoch, dass eine rationale Bewertung ohne Emotionen kaum möglich ist. Somit sollten Emotionen auch als komplexe psychische Phänomene beschrieben werden, die kognitive, körperliche und motivationale Aspekte verbinden.

„Wir drücken uns nicht genau und philosophisch aus, wenn wir von einem Kampf zwischen Affekt und Vernunft reden. Die Vernunft ist nur der Sklave der Affekte und soll es sein.“ So hat David Hume zu einem für die Philosophie zentralen Problem Stellung bezogen - dem Verhältnis zwischen Emotionen (oder zumindest Affekten) und Vernunft. Lange wurden beide als Kontrahenten angesehen. Man müsse die Emotionen bändigen, damit die Vernunft walten könne. Warum sollte die Philosophie sich auch mit Ärger, Eifersucht, Scham oder Freude plagen, wenn sie doch die reine Vernunft hat? Bis heute hält sich dieser krude Rationalismus als prägend für das Image der Philosophie. Aber so einfach ist es wohl nicht. Zunächst werden Vernunft, Rationalität, Affekt, Emotion und Gefühl oft als Kampfbegriffe gebraucht, ohne ihren Gehalt genauer zu bestimmen. Diese Begriffe sollten jedoch als sinnvoll verstanden und voneinander abgegrenzt werden.

Gefühle und Selbsttäuschung. Warum wir uns das Offensichtliche nicht eingestehen wollen

Wir gestehen uns die offensichtlichen Warnzeichen einer zerbrechenden Beziehung nicht ein, obwohl sie uns eigentlich klar sind: Solche und ähnliche Fälle von Selbsttäuschungen sind aufgrund ihrer Paradoxien schwer zu fassen. Diese lassen sich jedoch auflösen, wenn man die Rolle der Gefühle in den Blick nimmt, wie hier am Beispiel einer scheiternden Beziehung: Beginnt Pauls Beziehung zu bröckeln? Die Gespräche zu seiner Partnerin Marie werden kürzer, die romantischen Gefühle sind längst nicht mehr da, gemeinsame Zeit wird gemieden und für die einst regelmäßigen Dates finden sich nur noch Ausreden. Wenn sie Zeit zusammen verbringen, fühlen sich beide unwohl und gelegentlich kracht es. Marie zweifelt insgeheim schon länger an der Beziehung. Und für die gemeinsame Freundin Lea stellt sich überhaupt nicht die Frage, ob die Beziehung zwischen Marie und Paul zu scheitern droht, sondern wann.

Auch Paul nimmt wahr, dass sich etwas verändert hat. Die Ausreden, keine gemeinsame Zeit, das Ausbleiben romantischer Gefühle, die Streitereien: All dies stimmt ihn traurig und Gedanken an ein drohendes Beziehungsende versucht er zu beruhigen: Worüber sollten die beiden denn nach jahrelanger Beziehung noch reden, fragt er sich. Und dass die Date-Abende ausgeblieben sind, läge daran, dass beide befördert wurden und mehr arbeiten würden. So versucht Paul sich einzureden, dass lange Beziehungen sich eben auf diese Art verändern würden und die Beziehung intakt und stabil wäre. Pauls Perspektive auf die Situation lässt sich als Fall von Selbsttäuschung verstehen. Solche Fälle zeichnen sich dadurch aus, dass eine Situation Merkmale aufweist, die eine bestimmte Deutung nahelegen. Und obwohl die sich selbsttäuschende Person Zugang zu diesen Merkmalen der Situation hat und auch zu ebenjener naheliegenden Deutung gelangt, bildet sie dennoch eine gegenteilige Überzeugung. Alle Anzeichen deuten auf ein drohendes Beziehungsende hin. Sowohl Marie als auch die gemeinsame Freundin Lea gelangen zu dieser Deutung der Situation. Paul hingegen nimmt zwar dieselben Anzeichen wahr und kommt auch zu der Deutung, dass die Beziehung zu enden droht, überzeugt sich aber gleichzeitig von der gegenteiligen Deutung, dass sie nicht zu enden droht. Paul täuscht sich damit selbst: Er ist davon überzeugt – ebenso wie Marie und Lea –, dass die Beziehung zu scheitern droht, und ist gleichzeitig davon überzeugt – im Unterschied zu Marie und Lea –, dass die Beziehung nicht zu scheitern droht.

Dabei handelt es sich weder um einen bloßen Irrtum, die Situation falsch einzuschätzen, noch um einen Fall von Willensschwäche, nicht die richtigen Schlüsse ziehen zu wollen. Beim Irrtum weiß die betroffene Person es nicht besser und ist ausschließlich vom Falschen überzeugt. Bei der Willensschwäche – zum Beispiel, wenn wir zur Tüte Chips greifen, obwohl wir uns gesund ernähren wollten – ist man sich der Schwäche bewusst und weiß es eigentlich besser. Nur bei der Selbsttäuschung wissen wir sowohl von der richtigen als auch von der falschen Deutung (daher ist es kein Irrtum) und sind uns trotzdem über den Täuschungsprozess nicht vollends bewusst (daher ist es keine Willensschwäche). Aber Selbsttäuschungen sind paradox: Versuche, Selbsttäuschung als intendierten Akt zu erklären, stoßen auf zwei Probleme. Das erste Problem ist das logische Paradox. Wie kann eine Person zugleich eine Überzeugung p und eine Überzeugung nicht-p haben? Im oben beschriebenen Fall bedeutet dies: Wie kann Paul sowohl vom drohenden Beziehungsende überzeugt sein als auch vom Gegenteil, dass die Beziehung nicht zu enden droht und stabil wäre? Das zweite Problem ist das Paradox der Absicht: Wie kann eine Person sich selbst täuschen, wenn sie doch von der eigenen Täuschungsabsicht weiß? Im obigen Fall: Wie kann Paul sich selbst vormachen, die Beziehung wäre intakt und stabil, wenn er weiß, dass dies nur sein eigener Täuschungsversuch ist?

Der Schlüssel zum Verständnis von Selbsttäuschungen sind Gefühle. Einige Theorien versuchen, diese Paradoxien durch eine Spaltung des Ichs zu erklären, etwa in getrennte Ich-Instanzen oder zeitliche Abschnitte. Solche Ansätze lassen jedoch die Rolle der Gefühle im Selbsttäuschungsprozess unbeachtet. In der Regel lassen sich Fälle von Selbsttäuschung auch beschreiben als Umgang mit unerwünschten Gefühlen: Von Selbsttäuschung Betroffene sind mit einer Situation konfrontiert, die unerwünschte Gefühle auslöst. Diese unerwünschten Gefühle versuchen die Betroffenen mit Überzeugungen zu verdrängen, von denen sie sich erhoffen, dass diese Überzeugungen erwünschte Gefühle hervorrufen. Für unseren Fall bedeutet dies: Das drohende Beziehungsende, von dem Paul überzeugt ist, wenn er sich die Anzeichen der Situation vor Augen hält, ist gebunden an unerwünschte Gefühle wie Trauer, Furcht, Verzweiflung oder Schuldgefühle. Das jeweilige Gefühl versucht er sodann zu verdrängen und in ein erwünschtes Gefühl zu überführen, indem er sich Überzeugungen einredet, die die Stabilität der Beziehung nahelegen und damit zu erwünschten Gefühlen wie etwa Zufriedenheit oder Freude führen sollen.

Doch an diesem Punkt verfallen wir einem Missverständnis, das tief in unserem Denken über Gefühle verankert ist. Wir glauben, durch Überzeugungen direkt unsere Gefühle hervorrufen und steuern zu können, ebenso wie Paul seine Traurigkeit durch gegenteilige Überzeugungen zu mildern versucht. Richtig ist, dass zumindest gerichtete Gefühle wie Freude, Trauer und Furcht stets von Überzeugungen bestimmter Art begleitet werden. Aber Gefühle sind nicht auf diese Überzeugungen reduzierbar und gehen auch nicht aus ihnen hervor. Dass wir ein drohendes Beziehungsende ggf. als etwas Trauriges beurteilen, heißt nicht, dass das Gefühl des Trauerns sich in diesem Urteil erschöpft oder das Gefühl dem Urteil entspringt. Wäre das der Fall, würde es ausreichen, die Perspektive auf das Beziehungsende zu ändern, indem man sich die ggf. guten Seiten, die das Beziehungsende mit sich bringen würde, vor Augen hält, und anschließend müssten Gefühle wie Freude oder Zufriedenheit unmittelbar aufkommen. Aber gerade solch ein Vorgehen funktioniert im Umgang mit unseren Gefühlen nicht. In der Regel schaffen wir es in solchen Fällen nicht, mit Überzeugungen auf unser Gefühl einzuwirken.

Stattdessen hilft ein anderer Blick auf das Verhältnis von Gefühl und Überzeugung. Gefühle sind keine inneren Zustände, die durch Überzeugungen hervorgerufen werden und auf die wir mit Überzeugungen einwirken könnten, sondern leiblich spürbare Atmosphären, in die wir hineingeraten und die uns leiblich ergreifen. Sobald solche Gefühlsatmosphären uns ergriffen haben, präsentieren gerichtete Gefühle (d. h. um etwas zentrierte Atmosphären) uns Überzeugungen bestimmter Art (Schmitz 1969). Gefühle entziehen sich so unserer direkten Einflussnahme durch das Anpassen unserer Überzeugungen. Die irreführende Annahme, dass Gefühle unseren Überzeugungen direkt entspringen würden, verkehrt damit das tatsächliche Verhältnis zwischen Gefühl und Überzeugung: Gefühle legen uns Überzeugungen bestimmter Art Nahe, nachdem sie uns ergriffen haben, statt durch Überzeugungen hervorgerufen zu werden. Kurzum: Paul trauert nicht über das Beziehungsende, weil er das Beziehungsende traurig findet, sondern die Trauer ergreift ihn und präsentiert ihm die Überzeugung, das Beziehungsende traurig zu finden.

Paradoxien der Selbsttäuschung

Die beiden Paradoxien der Selbsttäuschung lassen sich dank des neu bestimmten Verhältnisses von Gefühl und Überzeugung wie folgt lösen: Das logische Paradox, zugleich von p und nicht-p überzeugt zu sein, löst sich auf, wenn man annimmt, dass das unerwünschte Gefühl der selbsttäuschenden Person immer wieder Überzeugungen präsentiert, die dem entgegenstehen, was sie glauben möchte. Paul wird durch das unerwünschte Gefühl der Trauer, das ihn gelegentlich ergreift, immer wieder auf die Überzeugung zurückgeworfen, dass die Beziehung zu enden droht. Er versucht, sich diesem unerwünschten Gefühl entgegenzusetzen, indem er sich die gegenteilige Überzeugung einredet, dass die Beziehung stabil wäre. Dass das unerwünschte Gefühl der Trauer sich dadurch nicht abstellen lässt und sich keine Zufriedenheit oder Freude einstellt, liegt am oben beschriebenen Zusammenhang zwischen Gefühl und Überzeugung.

Das Paradox der Absicht, wie man sich selbst täuschen kann, obwohl man von der Täuschungsabsicht Bescheid weiß, löst sich auf, wenn man sich klar macht, dass Selbsttäuschung kein listiger Akt des Täuschens ist, wie es beim Fremdtäuschen der Fall ist. Vielmehr ist Selbsttäuschung ein nicht-intendiertes Nebenprodukt, das entsteht, wenn man mit den eigenen unerwünschten Gefühlen umgeht und meint, diese anhand gegenteiliger Überzeugungen in erwünschte Gefühle umwandeln zu können. Dazu braucht es keine Täuschungsabsicht, sondern allein die Motivation, ein unerwünschtes Gefühl ändern zu wollen. Paul versucht nicht, sich von der Stabilität der Beziehung zu überzeugen, weil er sich über den Beziehungsstatus gezielt täuschen möchte, sondern weil er versucht, mit seinen unerwünschten Gefühlen umzugehen. Selbsttäuschung ist demnach zu verstehen als eine bestimmte Weise des Umgangs mit den eigenen unerwünschten Gefühlen. Dabei ist für diesen Umgang zentral, dass er auf dem Irrtum beruht, Gefühle entsprängen unseren Überzeugungen und ließen sich allein durch das Ändern der Überzeugungen beliebig anpassen und steuern.