"Die Hoffnung ist eine Hauptquelle unserer Freuden."
Arthur Schopenhauer
Es gibt viel Philosophie, aber wenig Philosophen. Vorlesungsverzeichnisse und Verlagsprogramme zeigen: Die meisten Lehrer unterrichten weder, was sie gedacht haben, noch wie man denkt, sondern was andere gedacht haben. Das nennen sie Wissenschaft. Hält man sich an die Mahnung von Arthur Schopenhauer, ist es besser, selbst und über die Dinge zu denken. Philosophie ist Einsicht; diese stellt sich nicht als geschlossene Abhandlung ein. Philosophie ist nicht als Fleißarbeit nach einem Plan entstanden, sondern stets zu ihrer Zeit, als ein Gedanke gereift war, von denen mancher für die gewohnte Weltsicht irritieren mag. Es ist wohl in den meisten Fällen richtig, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, denn sie stirbt dann erst mit dem, der hofft. Dass sie allerdings so hoch bewertet und geschätzt wird, während die Hoffnungslosigkeit bedauert oder gar verurteilt wird, ist bloß die Platitude eines unbegründeten, wenn auch weit verbreiteten Optimismus. Wer von Hoffnung redet, darf über den Egoismus nicht schweigen, denn er ist die Voraussetzung und die Triebfeder jeder Hoffnung.
Eine Hoffnung ist stets zweierlei. Zunächst ist sie zwingend auf die Zukunft bezogen. Ich kann nur auf etwas hoffen, das in der Zukunft geschehen möge; das heißt, ich kann nur hoffen, was noch nicht ist, aber werden kann. Sofern sich eine Hoffnung ausnahmsweise auf Ereignisse in der Vergangenheit oder Gegenwart richtet, dann nur, solange der Hoffende das Ergebnis nicht kennt, weshalb sich seine Hoffnung eigentlich nur auf die Kunde von dem Ergebnis richtet, welche eben erst in der Zukunft eintreffen kann. Und dann ist das Hoffen unabdingbar an das Wollen gebunden, an den Drang zu sein und wohl zu sein. Die Hoffnung geht immer vom Egoismus aus. Nur wer etwas will, kann darauf hoffen. Wer nichts will, kann auch nicht hoffen, dass es eintritt. Das Hoffen ist allerdings nicht das Wollen selbst, wenngleich Hoffen ohne ein Wollen nicht denkbar ist. Was ist die Hoffnung dann? Die Hoffnung ist die subjektiv berechtigte Erwartung, dass ein Verlangen befriedigt werden kann. Sie muss also nicht objektiv berechtigt sein und ist oft weit davon entfernt.
Die Hoffnung ist also ohne das Wollen nicht möglich. Wollen ohne Hoffnung ist dagegen sehr wohl möglich. Ich kann etwas leidenschaftlich wollen, aber gleichzeitig darüber ganz sicher sein, dass es nie eintreten wird, weshalb ich mir alle Hoffnung darauf versage. Diesen Zustand des Gemüts nennen wir Hoffnungslosigkeit oder, wenn sehr heftig, Verzweiflung. Diese weist jedoch keinesfalls darauf hin, dass einer das Wollen eingestellt hat, sondern nur das Hoffen auf die Befriedigung des Verlangens. Dann reden wir davon, dass einer die Hoffnung verloren hat – ohne dabei das Wollen aufzugeben. Hierin zeigt sich die Nähe der Verzweifelung zum Selbstmord. Ganz im Unterschied dazu kann jemand das Hoffen aufgeben, und zwar nicht als bloß intellektuellen Akt in Folge der Erkenntnis, dass die Befriedigung seines Verlangens nicht realisierbar ist, sondern als notwendige Folge davon, dass er das Wollen eingestellt hat. Wenn ich etwas nicht will, dann kann ich auch nicht darauf hoffen, daß es eintritt, weshalb ich dem weiteren Verlauf leidenschaftslos, im Sinne des Wortes, gegenübertrete, das heißt ohne Leidenschaft, ohne Wollen, ohne Verlangen, welches weder enttäuscht noch befriedigt werden kann. Erst in diesem Zustand ist jede Hoffnung ebenso unberechtigt wie die Angst; dieses ist der Zustand der vollendeten Gemütsruhe, der Zufriedenheit, welche weder Angst noch Hoffnung kennt und der jede Verzweiflung fremd ist.
Diese Ruhe des Gemüts basiert allerdings auf Erkenntnis, nämlich auf der Einsicht, dass alles Wollen, alles Verlangen nichtig ist; wenn auch nicht jedes bestimmte Verlangen vergeblich ist, so doch das Verlangen an sich, das stets nur das Streben nach Aufhebung eines Mangels ist, eines Leidens, welches, wenn aufgehoben, durch einen neuen Mangel gleich ersetzt wird, den aufzuheben man nun fortan anstrebt. Und die dann erneuerte, subjektiv berechtigte Erwartung dazu, dass dieses gelingen kann, ist wieder Hoffnung usw. So lebt der Mensch im Hamsterrad der Hoffnungen, wo, wenn eine untergeht, die nächste auftaucht, und der Mensch hofft, solange er lebt. Die Hoffnung ist das optimistische Wollen, die Verzweiflung das pessimistische Wollen; der Optimismus perpetuiert das Wollen und die Hoffnung ebenso wie das Leiden als Folge davon. Denn hoffen kann nur, wer unter einem Mangel leidet, dessen Aufhebung er herbeisehnt und optimistisch erwartet.
Allerdings ist nicht jede Hoffnung von gleicher Art. Durchaus sehen wir Menschen auf eine Weise hoffen, die nicht auf Verlangen beruht. Wir können zwei Arten der Hoffnung unterscheiden. Zunächst die gewöhnliche Hoffnung: Jemand hofft, dass etwas passiert – die positive Hoffnung. Jemand kann hoffen, im Lotto zu gewinnen, einen Wettbewerb für sich zu entscheiden oder einen Partner zu finden. Dagegen von ganz anderer Qualität ist die negative Hoffnung: Jemand hofft, dass etwas nicht passiert. Dies ist die subjektiv berechtigte Erwartung, dass ein Mangel, ein Leiden nicht oder wenigstens nicht jetzt eintreten möge. Es ist jedoch noch nicht da. In diesem Fall soll also nichts beseitigt oder aufgehoben werden, sondern diese Art der Hoffnung begleitet einen Zustand relativer Ruhe, relativer Zufriedenheit.