Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Die Komplexität des Zukunftshorizonts

Die Generierungsformen der Zukunft einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ergeben sich daraus, dass die skizzierten Faktoren auf alle denkbaren Weisen miteinander kombiniert werden können. Laut dem Soziologen Niklas Luhmann kann man unterscheiden zwischen der Zukunft als „future present“, der zukünftigen Gegenwart, die so sein wird, wie sie eben sein wird, aber uns noch nicht bekannt ist und der „present future“, also der gegenwärtigen oder vorgestellten Zukunft als dem Reich des Möglichen, Wahrscheinlichen, Erhofften und Befürchteten. Letztere ist immer vielgestaltig und komplex. Dies sind die wesentlichen Gründe dafür:

Die Komplexität des Zukunftshorizontes einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ergibt sich daraus, dass die skizzierten Faktoren auf alle denkbaren Weisen miteinander kombiniert werden können: In jedem sprachlichen Modus können Individuen, Kollektive und Institutionen Zukunftsvorstellungen über jeden beliebigen Gegenstandsbereich zu unzähligen Zeitpunkten unterhalten. Daher verbieten sich generalisierende Aussagen über die Gestalt der Zukunft, zum Beispiel über die angeblich pessimistischen 1920er oder die zukunftseuphorischen 1960er Jahre, die dann den düster pragmatischen 1970er Jahren weichen mussten, eigentlich von selbst, auch wenn sie überall zu lesen sind. Letztlich sind sie alle unzulässige Vereinfachungen, die die Zukunftsperspektive einer bestimmten Trägergruppe über einen spezifischen Gegenstandsbereich verallgemeinern, anstatt sich der Heterogenität und Komplexität des Zukunftshorizontes anzunehmen. Wie kann das aber geschehen?

Ich würde argumentieren, dass eine integrierende Perspektive auf die Geschichte und Gegenwart der Zukunft nicht möglich ist, wenn man von den Inhalten der Zukunftsvorstellungen ausgeht. Stattdessen plädiere ich dafür, sich auf die Generierungsmodi der Zukunft zu konzentrieren. Bei der sprachlichen Erzeugung und praktischen Festlegung von Zukunft unterscheiden wir idealtypisch vier Modi: Erwartung, Gestaltung, Risiko und Erhaltung. Erwartungszukunft bezeichnet die Zukunft, deren Öffnung Reinhart Koselleck in der sogenannten Sattelzeit um 1800 mit dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont beobachtet hat, im Rahmen derer sich im 19. Jahrhundert die politischen Ideologien und Geschichtsphilosophien bewegten und deren Ende vielfach in der sogenannten Postmoderne im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts diagnostiziert wurde. Im Unterschied zur Erwartungszukunft hat die Gestaltungszukunft eine aktivistischere Komponente. Idealtypisch kommt sie im Begriff der Planung zum Ausdruck, dessen Hochphase von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre reichte. Zukunft wird hier als in konkreten Schritten verwirklichbar gedacht, wobei immer verschiedene Gestaltungskonzepte im Konflikt stehen. Obschon der Gedächtnis- und Erinnerungsboom seit den 1970er Jahren oft als Gegenbewegung zu den Zukunftsgestaltungsambitionen der vorangegangenen Jahrzehnte verstanden wird, wird doch auch hier eine Form von Zukunft generiert, die man Bewahrungszukunft nennen kann. Es wird festgelegt, was aus der Gegenwart in der Zukunft erinnert werden soll oder, etwa im Denkmalschutz, dass die Zukunft nicht wesentlich anders aussieht als die Gegenwart. Davon wiederum grundsätzlich verschieden ist die seit den 1980er Jahren zunehmende Generierung von Zukunft im Modus des Risikos. Hier wird weder eine bestimmte Zukunft erwartet noch gestaltet, sondern es werden mit Wahrscheinlichkeiten versehene Szenarien entworfen, auf die es sich vorzubereiten gilt.

Auch wenn die verschiedenen Modi der Zukunftsgenerierung jeweils bestimmte Hochphasen hatten, lösten sie einander doch nicht ab, sondern traten nebeneinander und addierten sich auf, so dass sich der Zukunftsbezug bis in unsere Gegenwart pluralisiert hat. Auch dies macht die Komplexität der Zukunft aus, aber anders als die Inhalte der Zukunftsvorstellungen bieten ihre Generierungsformen vielversprechendere Ansatzpunkte, um die wesentlichen politischen, sozialen und kulturellen Konflikte des 20. und 21. Jahrhunderts als Zukunftskonflikte zu begreifen.