Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Normen als Willkür und Spiegel einer Kultur

Sind Normen willkürlich, steht gar nichts dahinter oder sind sie logisch begründbar? Dazu zwei idealisierte, also eher unrealistische Positionen bzw. Modelle:

Welches Modell kommt der Realität näher? Dazu im Folgenden einige Positionen.

Normen sind unterschiedlich. Es gibt solche, die dazu dienen, eine Gesellschaft zu stabilisieren, wozu es Gesetze gibt. Natürlich sind Normen auch kulturell bedingt. Und es gibt individuelle Normen. Und sie sind nicht immer logisch, ableitbar. Manchmal sind sie tatsächlich unlogisch oder folgen einer Logik, die sich dem Betrachter nicht erschließt. Normen sollten eigentlich von Werten abgeleitet sein. Doch häufig sind die Werte in Vergessenheit geraten, weshalb die Anwendung von Normen mitunter mehr Probleme aufwirft, als sie löst. Normen sind dennoch nicht verkehrt, weil sie idealerweise klare Verhaltensweisen vorgeben. Denn es ist nicht jedem Menschen gegeben, von Werten ausgehend Verhaltensweisen abzuleiten und anzuwenden. Andererseits gibt es auch Menschen, die mit Normen nichts anfangen können, sondern ihr Leben anhand von Werten ausrichten.

Normen dienen nicht zwingend dem Glück. Ihre Aufgabe ist es, das Miteinander zu regeln, wobei Glück keine Rolle spielt. Es soll nur verhindert werden, dass Menschen sich abmurksen. Das kann man vielleicht doch als Glück betrachten. Normen können aber auch das Gegenteil bewirken, nämlich wenn sie dazu missbraucht werden, Menschen ins Unglück zu stürzen, wenn sie beispielsweise aus reiner Willkür angewendet werden.

Ein Bekenntnis zum ewigen Orientieren nach Maßgaben, Leitlinien und Vorschriften kann den Puer Aeternus fördern, der sich nicht traut, selbst auszulegen und mit dem eigenen Kopf zu denken. Es resultieren Normopathen, die die Korrektheit stets vereinnahmen. Es scheint sich zu spiegeln, wie es in der Menschheit schon immer war und wie das prozentuale Verhältnis der Gemüter innerhalb von Gesellschaften allermeistens ist: Wir haben eine Masse an Müßiggängern, die sich auf ihre eigenen Belange und Launen konzentrieren, mit dem Strom schwimmen und sich darüber ziemlich normal finden. Und dann gibt es Jene, die durch deren Müßiggang und ihr fehlendes Mitdenken unheimlich in Bredouille geraten und sich angewöhnen müssen, immer mit müßiggängerischen Idioten zu rechnen, die im entscheidenden Moment mit ihrer Egalität und Selbstbezogenheit alles ruinieren. Ihre Vorsicht und doppelte Vorausschau sieht man ihnen dann wie ein Kainsmal an, und insbesondere die Normopathen können es riechen, dass sie hier wieder Einen haben, den sie ausnutzen, beschämen und manipulieren können, indem sie sich nur als fein-gesittet inszenieren und ihrem Opfer dies ständig öffentlich absprechen. Der wird wie gewohnt einstecken und alles ausbaden, während man selbst die Lorbeeren einsteckt.

Das Normale kann auch als eine Maskerade für das Scheinheilige und die Projektion betrachtet werden: z.B. wenn in etlichen Familien oder Gruppen dysfunktional kommuniziert wird, wo man ständig Feindbilder, Sündenböcke und schwarze Schafe erschafft. All diese Deviants (Normen-Abweichler) sind der verschwiegene, große, rosa Elefant im Raum, wenn man von Normalität spricht. Van Gogh schrieb "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße - man kann gut auf ihr gehen. Aber es wachsen keine Blumen auf ihr."

Wo die Normalität aufhört, sollten Charakter, Reife und Individualität anfangen. Wenn aber Normopathie gewinnt und dominiert, wird sie weitere Aussätzige benennen und erzeugen, denen im vulnerablen Alter sämtliche Liebe und Daseinsberechtigung abgezogen und dafür Selbstzweifel eingeredet werden. Und diese “Unpersonen” könnten inmitten einer Welt voller Normopathen die einzigen Menschen sein, die noch denken und fühlen.