Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differenziert und in ihrer Geltung präzisiert werden. Im politisch-medialen Diskurs hingegen fungiert relativieren dagegen häufig als Schlagwort mit normativem und vorwurfsvollem Charakter. Hier markiert das Verb kommunikative Grenzziehungen, indem es bestimmten Aussagen – etwa zur Bewertung historischer oder aktueller Ereignisse – eine illegitime Verharmlosung, Gleichsetzung oder Beschönigung unterstellt. Diese appellativ-strategische Verwendung ist eng mit erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen und aktuellen Krisendebatten verknüpft und dient häufig der Distanzierung, Diskreditierung oder dem Ausschluss missliebiger Positionen aus dem öffentlichen Diskurs.

Viele Facetten des deontischen Handlungsnormen-Gebrauchs von relativieren treffen auch auf die Diskursfunktion des Handlungsverbs kontextualisieren zu. Allerdings stehen die Ausdrücke kontextualisieren/Kontextualisierung nicht mit diskurs-historisch vorbelasteten Ereignissen in Verbindung.

Relativierungen grenzen nicht nur wertneutral den Geltungsanspruch von Behauptungen ein (das vor allem in affirmativem [bestätigendem] Gebrauch). Im politischen Diskurs markieren Sprecher damit auch illegitime Aussagen oder Vergleiche und die Grenze zum akzeptierten Common Sense, zu im öffentlichen Erinnerungsdiskurs unhintergehbaren Denk- bzw. Deutungsschablonen. Besonders deutlich wird das beim nominalisierten Gebrauch, also der Einordnung einer vom Sprecher oder vom Autor abgelehnten Zuschreibung Dritter als unzulässige, solche [Distanzmarker], inakzeptable, unerträgliche Relativierung. Auch Doppelformen wie Verharmlosung/Historisierung/Gleichsetzung/Aufrechnung/Rechtfertigung/Beschönigung und Relativierung stehen meist im Kontext diskurs-disziplinierender Praktiken. In sozialen Medien – zum Beispiel auf Twitter/X oder auch auf den Diskussionsseiten der Wikipedia – finden sich unzählige Belege dieser Ordnungsrufe, die nicht auf Deliberation, sondern auf Diskreditierung und/oder (latenten bis offenen) Diskursausschluss von der Relativierung bezichtigten Akteuren oder ihren ‚Sympathisanten‘ zielen. Gerade in der Verhandlung von Unterstützungsmaßnahmen für oder gegen Konfliktpartner bzw. Kriegsopfer hat diese Praktik Hochkonjunktur, erwartbar angesichts kriegs- und verdachtsrhetorischer Polarisierung der öffentlichen Debatte.

Relativieren kann einerseits die Bedeutung oder Wichtigkeit einer Aussage, eines Sachverhalts oder eines Problems abzuschwächen, indem man sie in einen größeren Zusammenhang stellt oder mit etwas anderem in Beziehung setzt, um ihre Absolutheit zu relativieren (einzuschränken). Es geht darum, zu zeigen, dass etwas nicht uneingeschränkt gültig ist, sondern nur unter bestimmten Bedingungen oder im Verhältnis zu anderen Dingen. Aber Vorsicht: Während sachliche Relativierung zur Differenzierung dient, zielt sie in der Abwehr darauf ab, die Realität zu verzerren oder unangenehme Wahrheiten zu entwerten. Dann spricht man von missbräuchlicher oder manipulativer Relativierung. Und diese Form der Relativierung ist innerhalb einer Beschämungskultur die häufigste Form der Relativierung.

Relativierung kann aber andererseits auch Bedeutung mehren. Hinter dem Begriff verbirgt sich auch der Individualismus, frei nach Cocteau: "Was die Gesellschaft an Dir kritisiert, kultiviere: das bist Du!" oder Meister Eckhart's Ausführungen, dass wahre Bildung "Ent-Bildung" sei, also die konsequente Abweichung und kritische Infragestellung dahergebrachter Denkgebäude und Wertvorstellungen. Durch Relativierung bekommt Alles seine Deutungsattribute - und beinahe Alles ist bereits vor-attributiert und vor-relativiert. Mit dem Schlagwort "Relativierung" wird heute oft schlichtweg nichts anderes in Abrede gestellt als der freie Wille und der Zweifel, den sowohl Descartes, Augustinus als auch Adorno als den Kern der Seele im Blick hatten.

Psychologisch betrachtet bezeichnet Relativierung einen Abwehrmechanismus, bei dem eine Person die Bedeutung oder den Ernst einer Situation, eines Problems oder eines Ereignisses herunterspielt oder relativiert, um mit emotionalen Belastungen oder unangenehmen Realitäten umzugehen. Dies geschieht oft, indem die Situation mit anderen verglichen wird, die als noch schlimmer wahrgenommen werden, oder indem man versucht, positive Aspekte oder Perspektiven zu finden, um die negativen zu mildern.

Personen, die relativieren, neigen dazu, die gegenwärtige Situation mit anderen zu vergleichen, die als noch schwieriger oder belastender wahrgenommen werden. Dadurch können sie das Gefühl haben, dass ihre eigenen Probleme weniger gravierend sind. Relativierung beinhaltet oft die Suche nach positiven Aspekten oder Perspektiven in einer Situation, um die negativen zu mindern. Dies kann dazu beitragen, dass die Person sich besser fühlt oder weniger gestresst ist. Personen, die relativieren, tendieren dazu, die Bedeutung oder den Ernst von Problemen herunterzuspielen oder zu bagatellisieren, um mit ihnen umzugehen. Dadurch können sie das Gefühl haben, dass die Probleme weniger bedrohlich oder belastend sind. Relativierung kann auch als Form der Ablenkung von der Realität dienen, indem die Person sich auf andere Dinge konzentriert oder positive Aspekte hervorhebt, anstatt sich mit den unangenehmen Realitäten auseinanderzusetzen. Der Hauptzweck der Relativierung besteht darin, die emotionale Belastung oder Unannehmlichkeit einer Situation zu reduzieren, indem die Bedeutung oder Schwere der Probleme heruntergespielt wird. Insgesamt kann Relativierung dazu beitragen, kurzfristig mit emotionaler Belastung umzugehen, aber langfristig können die Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden und die Bewältigungsfähigkeiten negativ sein. Es ist wichtig, eine ausgewogene Sichtweise auf Probleme zu bewahren und angemessene Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um mit ihnen konstruktiv umzugehen.