Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Überlegungen zum religiösen Nihilismus

Wie können Gläubige Nihilisten sein?

– mit Blick auf Nietzsche und Alan White:
„Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist ein Irrtum, auf »soziale Notstände« oder »physiologische Entartungen« oder gar auf Korruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus (d.h. die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer ganz bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.“ (Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

Der erste Schritt auf dem Wege zum Nihilismus, ein Schritt, der nach Nietzsche historisch in einen zweiten Schritt übergeht und verbunden ist mit dem Urteil, dass die Existenz unserer Welt des Werdens nur durch ein „Ziel“ gerechtfertigt sei, dass sie leitet, das heißt durch eine „unendlich wertvolle“ Einheit, welche den Grund der Welt bildet, oder anders ausgedrückt, durch eine „wahre Welt“ bzw. eine „Welt des Seins“, die dieser zugänglichen Welt zugrunde liegt. Dieser Schritt ist als Schritt der Verneinung eine Form der Negation, insofern er zumindest implizit das Urteil einschließt, dass unsere Welt des Werdens so, wie sie sich zeigt, nämlich ohne ein solches Ziel, eine solche Einheit und Wahrheit,nicht sein dürfte“. Dieser Schritt enthält das Urteil, dass diese Welt, unsere Welt ohne einen solchen Ursprung des Wertes, der unmöglich innerhalb des Flusses der „Welt des Werdens“ selbst verortet sein kann, wertlos sei.

Ist derjenige, der diesen ersten Schritt getan hat, derjenige also, der geurteilt hat, dass die Welt einer Rechtfertigung bedürfe, ein Nihilist? Er bekennt sich gewiss nicht zu seinem Nihilismus: wenn er den Ausdruck Nihilist überhaupt gebraucht, so verwendet er ihn für andere. Und dennoch besitzt er eine nihilistische“ Gesinnung, ganz im Gegensatz zu demjenigen, der die Existenz der Welt des Werdens ohne Weiteres bejaht. Aus einer nietzscheanischen Perspektive sind diejenigen, die für den Wert einen äußeren Ursprung annehmen, in zweierlei Hinsicht Nihilisten: erstens urteilen sie, dass die Welt (an sich) nicht sein dürfte; und zweitens glauben sie an eine Welt, die trotz ihrer eigenen gegenteiligen Überzeugungen, ausschließlich aus ihren psychologischen Bedürfnissen heraus erdichtet ist,eine Welt, zu der „wir absolut kein Recht“ haben. Sie sind sich gewiss nicht bewusst, dass die Welt, an die sie glauben, eine bloße Fiktion ist; eben deshalb gestehen sie sich nicht ein, Nihilisten zu sein. Wenn es also überhaupt zutreffend ist, sie Nihilisten zu nennen, so muss man eine notwendige Einschränkung hinzufügen: ihr Nihilismus ist ein Unbewusster. Oder, in einem noch nietzsche-anischeren Ausdruck: sie sind religiöse Nihilisten. Denn ihre Bejahung einer anderen Welt oder eines anderen Ursprungs des Wertes, eines Ursprungs außerhalb des Seins selbst, etwa Gottes, entspringt der Verneinung dessen, dass unsere Welt (aus sich selbst heraus) ihren eigenen spezifischen Wert trägt.

Stellen wir uns vor, eine Person liebe einen Gegenstand, der sich auf dem Dach ihres Hauses befindet, zutiefst und sei davon überzeugt, dass die Rettung ihres Lebens an diesem Gegenstand hänge. Dieser Gegenstand ist ihr derart wichtig, dass das Leben in diesem Haus für sie ohne ihn vollkommen sinnlos wäre. Nehmen wir nun an, dieser Gegenstand sei vollständig unsichtbar, das heißt: aus der Perspektive anderer besitze er keinerlei äußere Realität und existiere für sie überhaupt nicht. Doch jene Person ist sich sicher und „glaubt“, dass dieser Gegenstand existiert und sich auf dem Dach des Hauses befindet. Der erste Schritt des Nihilismus, von dem Alan White in seiner Interpretation des Nihilismus bei Nietzsche spricht, ist etwas Ähnliches: Der Mensch ist sich sicher und „glaubt“, dass ein Ziel, ein Wert oder eine andere Welt existiere, die über Natur und Sein steht.

Diese Haltung hat unerquicklich (und gefährliche) Konsequenzen: Die Person lebt für das Ziel jenes Gegenstands auf dem Dach (der zwar keine reale Existenz hat, von dem sie jedoch überzeugt ist, dass er existiert und unsichtbar ist). Sie misst dem Leben im Inneren des Hauses und den Menschen im Haus eine „geringere“ Bedeutung bei als diesem Gegenstand und widmet ihr gesamtes Leben dem Versuch, ihn zu erreichen oder zu befriedigen. In ihrem ganzen Leben setzt sie die umfassende Befriedigung dieses Gegenstands an die erste Stelle, weil sie glaubt, eines Tages auf das Dach zu gelangen, diesen Gegenstand zu besitzen, unsterblich zu werden und für alle Ewigkeit in Lust zu versinken. Deshalb rückt das Leben im Haus für sie an zweite und nachgeordnete Stelle; und gelegentlich hält sie es sogar für notwendig, das Leben im Haus und die dort Anwesenden dem Ziel, diesen Gegenstand zu erlangen, zu opfern. Sie könnte anderen sagen: „Ich lebe gut in meinem Haus, denn einer der Wege, zu diesem Gegenstand zu gelangen, besteht darin, gut in meinem Haus zu leben.“ Doch dies ist nichts als eine Phantasie-Erzählung, denn in Wahrheit hat jener Gegenstand Vorrang; und wann immer es möglich ist, wird sie das gesamte Leben preisgeben, um ihn zu erlangen.

Genau dies geschieht beim religiösen Menschen (nenne man jenen Gegenstand für ihn Gott, das Paradies, die Moral, ein Ziel oder einen Zweck). Auf diese Weise setzt der Gläubige seine Priorität auf etwas, das in der Wirklichkeit „nicht ist“, das er jedoch in seiner Vorstellung für wirklich hält. Der Nihilismus oder genauer: jene Form des Nihilismus, auf die Nietzsche im ersten Schritt insistiert, besteht genau darin: Der Mensch stellt etwas in den Mittelpunkt, das „nicht ist“ (denn Nihilismus bedeutet eben dies: das Nichtige zur höchsten Instanz zu erheben), und ordnet das wirkliche, konkrete Sein, also diese Welt nachrangigen Prioritäten unter. Dadurch wird sein Leben ausgehöhlt und geschwächt, weil er seine Aufmerksamkeit nicht „hundertprozentig“ dem Leben widmet, sondern seine Aufmerksamkeit größtenteils auf etwas richtet, das jenseits des Lebens liegt. Dies ist jene Verneinung, Zurückweisung oder, wie Nietzsche sagt, jenes „Nein Sagen“ zum Leben, das sich in der Praxis beim religiösen Menschen vollzieht, selbst wenn er dies nicht akzeptieren sollte; denn seine Nicht-Akzeptanz bleibt stets abstrakt und imaginär. Nietzsche, der unermüdlich einen erbitterten Kampf gegen den Nihilismus führte, versucht, die Wurzeln des Nihilismus offenzulegen. Deshalb betrachtet er das geschwächte und ruinierte Leben nicht als die ursprüngliche Ursache des Nihilismus, sondern ist der Auffassung, dass der Nihilismus zunächst im Bereich der Moral und der Religion entsteht und erst danach das Leben schwach wird. Das schwache und erniedrigte Leben ist die Folge des Nihilismus, nicht seine Ursache.

Anmerkungen:

Anzufügen wäre, dass die ursprüngliche Religion, die noch eins mit der Natur ist, kein Problem mit Nihilismus hat. Das Problem entsteht erst aus dem entfremdeten Leben, aus der entsetzten Frage „was mache ich eigentlich die ganze Zeit?“ Im Ursprung, quasi im Paradies, gibt es einfach keinen Raum für so eine Frage. Man könnte nun die These aufstellen, dass das einzig mögliche, anti-nihilistische Streben wäre, um dahin zurückzugelangen.

Ist nicht die Tatsache der ständigen Beschäftigung mit dem Nihilismus, seine stete Wiederkehr in unsere Diskurse, ein nihilistischer Impuls? Zwecks geradezu zwanghaft konnotierter Selbstvergewisserung, dass wir selbst keine Nihilisten sind? Ich frage das vor dem Hintergrund, dass das parallel verläuft, zu der sich selbst gestellten Frage, ob wir religiös sind, oder nicht. Und immer, wenn wir uns vergewissert haben, dass wir nicht religiös seien, wir agnostische Statements abgeben. Also den Glauben lediglich anzweifeln, nicht explizit verneinen. So betrachtet wären also die einzigen Anti-Nihilisten die, die nie die Gottesfrage stellen und die nie ihren eigenen Glauben stets agnostisch zu verleugnen suchen. Und umgekehrt, für die das gar keine Frage ist. Die also zusammen mit Stephan Hawking sich sicher sind, dass der "Kosmos keinen Gott braucht". So wären also die, die "mit aller Macht" den Nihilismus zu bekämpfen suchen, die wahren Nihilisten. Und das muss man jetzt nur auf Nietzsche selbst beziehen. Ich sage daher: Dadurch, dass Nietzsche sich ständig mit dem Nihilismus beschäftigt, hat er diesen Nihilismus, jenen agnostischen Nihilismus, erst in die Welt geschafft, und in alle Diskurse hinein, hat eine agnostische Wissenschaft ebenso hervorgebracht, wie einen nihilistischen Glauben. Den letzten Satz muss ich jetzt etwas relativieren, denn darin Nietzsche etwas Gerechtigkeit zukommen lassen, indem ich sage: Er hat es nicht wirklich hervorgebracht. Denn sowohl die Religion, als auch eine religiös konnotierte Wissenschaft waren ja schon in der Welt, lange vor Nietzsche, und bleiben auch lange Nietzsche Nämlich immer, wo wir "der Wissenschaft folgen" und darin sind, dass das die Verneinung von Glauben sei. Denn das "notwendige Phantasma des bürgerlichen Subjekts", wie das Karl Marx formulierte, wir nicht wahrhaben wollen.