Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Der Zusammenhang von Sinn und Moral

Der Sinn entsteht nicht aus dem Nichts – ebenso wenig formt er sich aus vorgefertigten Geboten. Er ist eine Errungenschaft, die aus der Tiefe der Erfahrung kommt, aus der Reibung des Selbst mit dem Anderen, aus Unruhe, der Frage und der Enttäuschung über den Glauben. Auch lässt sich Sinn nicht von außen aufzwingen. Die Moral ist verbraucht, sobald sie zu einem seelenlosen Justizsystem wird – verwandelt von einem inneren Ruf in einen äußeren Mechanismus zur Kontrolle der Gemeinschaft. Wenn der Moral dennoch eine grundlegende Bedeutung für den Sinn zukommt, dann deshalb, weil sie einen konstitutiven Rahmen für das gemeinsame Leben bildet – oder, wie Husserl es nannte, die Lebenswelt, die die menschliche Erfahrung im Miteinander mit anderen birgt. Moral ist nicht bloß ein Regelwerk, das dem Individuum auferlegt wird, sondern ein existenzieller Raum, der seine Beziehungen zum Anderen ordnet und die fortwährende Möglichkeit eines geteilten Daseins eröffnet – ein Leben, das über bloßes biologisches Überleben hinausgeht und mit Sinn und Substanz erfüllt ist. Diese tiefere Dimension der Moral zeigt sich eindrücklich in der Erfahrung von Gilgamesch, jenem epischen Helden, der – ohne an normative ethische Gebote gebunden zu sein – vom „Unbehagen am Sinn“ erfasst wurde, nachdem er Enkidu verloren hatte. Der Tod des Anderen war für ihn nicht nur ein schmerzliches persönliches Ereignis, sondern eine existenzielle Erschütterung, die die Grundfesten seines eigenen Seins ins Wanken brachte. Die Katastrophe war ebenso moralisch wie existenziell – sie offenbarte die Zerbrechlichkeit der Bindung an den Anderen und erschütterte das Fundament, auf dem der Sinn des Lebens ruht. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Moral als normativem System und Moral als existenziellem Horizont des Sinns.

Im tieferen Sinn ist Moral nicht bloß eine Sammlung von Regeln oder Pflichten – sie ist der Ort, an dem Sinn beheimatet ist, fast so, als wäre sie unsere erste existenzielle Behausung. Sie ermöglicht es uns, gemeinsam zu sein, Mitgefühl zu empfinden und unser Leben so zu koordinieren, dass es geteilt und gemeinsam gestaltet werden kann. In diesem Sinne ist Moral die ontologische Geografie des möglichen Lebens – nicht nur ein organisatorischer Rahmen. Doch in unserer heutigen Welt durchlebt der Sinn eine tiefe Krise: Der Mensch lebt nicht mehr mit den anderen im Sinne eines lebendigen Miteinanders, sondern lediglich neben ihnen – in sozialer und technologischer Isolation, in einem Zustand, den man als „funktionale Ethik“ bezeichnen könnte, der jedoch die emotionale Tiefe und die Wärme zwischenmenschlicher Beziehungen vermissen lässt. So wird Moral zu einem bloßen Ordnungsinstrument ohne Puls und mit ihr verliert der Sinn seinen existenziellen Horizont: eine Moral ohne Blut, ohne Schweiß, ohne Wunde. In diesem Kontext mag Nietzsches berühmter Satz anklingen: „Gott ist tot. Und wer wäscht dieses Blut von unseren Händen?“

Doch wir sagen: Der Sinn ist aus der Moral entwichen – welche Form von Dasein leben wir heute? Die Frage „Wie können wir gemeinsam sein?“ ist aus unserem Horizont verschwunden und wurde ersetzt durch „Wie überleben wir allein?“ Dies ist die ethische Zersplitterung, die den Sinn untergräbt – trotz technischer und kognitiver Überfülle. Deshalb stellen wir die Moral nicht über den Sinn, sondern betonen: Das Verschwinden der Moral aus unserem existenziellen Horizont bedeutet einen Verlust an Sinn selbst. Denn Moral – verstanden als geteilte Welt des Lebens – war und bleibt die Bedingung, die das Leben zu mehr macht, als ein bloßes Fortbestehen: Sie macht es lebbar, fähig zur Liebe, zu Verpflichtung, zu tiefer Existenz.

Ethik und Moral sind zwar nicht schlecht, aber sie entstehen aus einer Notwendigkeit. Wenn mir jemand in der Gesellschaft nicht dient, werde ich ihm oder anderen nie dienen. Deshalb entstand ein System zur Regulierung der Gesellschaft. Und die Gesellschaft und sogar der Staat folgen dieser unsichtbaren Regel. Der Mensch lebt nicht mehr mit den anderen im Sinne eines lebendigen Miteinanders, sondern lediglich neben ihnen.

Vielleicht ist es auch hilfreich, zwischen Moral = konkretem, oft utilitaristisch entstandenem Regelwerk einerseits und Moralität = Fähigkeit zur Empathie und zur gegenseitigen Wertschätzung andererseits zu unterscheiden. Moralität ist dasjenige, das sinnkonstituierend wirkt und in der Lage ist, auch ohne definiertes und kodifiziertes Regelwerk das Zusammenleben von Menschen zu sichern. Allerdings gilt das wahrscheinlich nur für kleine, isoliert lebende Gruppen. Je größer die Gesellschaft, je größer der Kontakt - und die Konkurrenz - mit anderen, desto mehr übernimmt das festgeschriebene Regelwerk.