Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Spinozas Erkenntnisse zur Realität versus metaphysische Welt-Verwirrungen

Nach Spinoza verfügten die Propheten im Vergleich zu anderen Menschen nicht über eine vollkommen entwickelte Vernunft oder einen überlegenen Intellekt. Ihre Besonderheit lag nicht im rationalen Verstehen, sondern in der Intensität und Lebendigkeit ihrer Einbildungskraft. Was die Prophetie ermöglichte, war eine kraftvolle und bewegliche Imagination, die fähig war, die Dinge in Gestalt von Bildern, Symbolen und Gleichnissen zu erfassen und mitzuteilen nicht jedoch ein demonstratives Wissen oder ein philosophisches Erfassen der wirklichen Ursachen der Dinge. Spinoza unterscheidet grundlegend zwischen Einbildungskraft und rationalem Verstand. Seiner Auffassung nach besitzen Menschen mit einer besonders starken Einbildungskraft in der Regel eine geringere Fähigkeit zum einfachen, klaren und kausalen Verständnis der Dinge.

Umgekehrt verfügen diejenigen, deren Denken geschult und rational gefestigt ist, über eine schwächere, gezügelte und streng vom Verstand kontrollierte Einbildungskraft; mit anderen Worten: Ihre Imagination ist „gebändigt“ und darf sich weder mit dem Verstand vermischen noch an dessen Stelle treten. Daraus folgert Spinoza, dass jene, die in den heiligen Schriften und den prophetischen Texten nach Naturwissenschaft, philosophischer Weisheit oder kausaler Erkenntnis geistiger Dinge suchen, einen grundsätzlich falschen Weg einschlagen; denn diese Texte sind niemals zur Vermittlung rationaler oder wissenschaftlicher Erkenntnis verfasst worden.

Infolgedessen ist die Prophetie für sich genommen nicht imstande, rationale Gewissheit hervorzubringen. Die prophetische Gewissheit ist, da sie auf der Einbildungskraft beruht, nicht von der Art einer demonstrativen oder mathematischen Gewissheit. Spinoza betont ausdrücklich, dass die Prophetie, weil sie auf imaginativen Vorstellungen und affektiven Zuständen gründet, die innere Notwendigkeit und Evidenz der Naturerkenntnis nicht leisten kann. Die Naturwissenschaft bedarf keiner Zeichen, Wunder oder äußeren Bestätigungen, da ihre Gewissheit im kausalen Verständnis der Natur selbst liegt die Prophetie hingegen greift stets auf Zeichen, Gebote, Verheißungen und Drohungen zurück, um ihre Adressaten zu überzeugen.

Daher ist die aus der Prophetie hervorgehende Gewissheit eine moralische Gewissheit, keine mathematische oder philosophische. Sie genügt dazu, das praktische Handeln der Menschen zu leiten, das kollektive Verhalten zu ordnen und Gehorsam, Hoffnung und Furcht zu erzeugen; sie erreicht jedoch niemals das Niveau einer notwendigen und allgemein gültigen rationalen Erkenntnis. Spinoza ist der Ansicht, dass die heiligen Schriften selbst diesen Unterschied deutlich erkennen lassen, da ihr Ziel nicht die Lehre der Wahrheit, sondern die moralische und politische Leitung der Massen ist.

Darüber hinaus hebt Spinoza hervor, dass Inhalt und Form der Offenbarung von Prophet zu Prophet verschieden waren. Diese Verschiedenheit verweist nicht auf eine transzendente Wahrheit, sondern auf die vollständig menschlichen Eigenschaften der Propheten selbst: ihre körperliche Konstitution, die Struktur ihrer Einbildungskraft sowie die Überzeugungen, die sie bereits vor ihrer prophetischen Erfahrung erworben hatten. War ein Prophet lebhaft, hoffnungsvoll und heiteren Gemüts, so erschienen ihm die Offenbarungen in Gestalt von Bildern des Sieges, des Friedens, des Segens und der Freude, da seine Einbildungskraft von solchen Vorstellungen erfüllt war. War er hingegen von melancholischer, unruhiger oder niedergeschlagener Natur, so nahmen die Offenbarungen die Form von Krieg, Strafe, Züchtigung und Katastrophen an.

Ebenso hing die Neigung eines Propheten zu barmherzigen oder strafenden Offenbarungen von seinem ethischen Charakter ab: Ein milder und gütiger Prophet stellte sich einen barmherzigen und gnädigen Gott vor, während ein harter und zorniger Prophet einen strafenden und rachsüchtigen Gott entwarf. Dies zeigt deutlich, dass die Offenbarung nicht den Wesensausdruck Gottes, sondern den Ausdruck des Geistes und der Einbildungskraft des Propheten darstellt. Schließlich spielte auch die imaginative Form des Propheten eine entscheidende Rolle für die Art der Offenbarung. Verfügte der Prophet über eine geordnete und fein strukturierte Einbildungskraft, so nahm er Gott oder die Natur klarer und zusammenhängender wahr,war seine Imagination jedoch verworren und instabil, so zeigte sich dieselbe Verwirrung auch in der Offenbarung. Dasselbe gilt für Offenbarungen, die in der Gestalt von Träumen erscheinen, da der Traum bei Spinoza eine der reinsten Erscheinungsformen der Einbildungskraft ist.

PS: In diesem Text wird der Ausdruck „Offenbarung“ (Erscheinen, Sich zeigen) anstelle des religiös konnotierten Begriffs „Revelation/Waḥy“ verwendet. Denn im begrifflichen Rahmen Spinozas ist eine Offenbarung im Sinne eines Herabkommens einer Wahrheit aus einer außerhalb der Natur liegenden Welt grundsätzlich sinnlos. Alles ist bei Spinoza immanent; es gibt nichts außerhalb der Natur, das auf sie herabsteigen könnte. Ebenso bezeichnet „Gott“ bei Spinoza nicht den personalen und willensbegabten Gott der Religionen, sondern die eine Substanz, die mit der Natur selbst identisch ist. In diesem Sinne ist Gott bei Spinoza kein gebietender Gesetzgeber, sondern die notwendige Struktur des Seins.

Interessant und bezeichnend ist auch die Tatsache, dass der menschliche Geist mühsamst und methodisch genau, sich seit der Renaissance in die Gegenwart von der scholastischen Gewalt befreien musste und wollte. Die Ästhetik der Aufklärung ist daher die Lust dafür, selbstständig denkend und handelnd Schritte in die Wirklichkeit zu tun. Was Paulus, Augustinus und in Folge die ganze christlich kirchliche Theologie religiös vernebelt hat, mussten nüchterne Analytiker wie Spinoza, bis und mit Kant, mühsamst von der Weihrauch-Schlacke der seelisch-geistigen Unterdrückung befreien. Dies gelang eben durch das Trennen von Glaube und Wissen, beziehungsweise wissend die Fesseln des Glaubens abzulösen. Die Bestrebung Sokrates, die Welt vom Mythos zu befreien, um sie wissenschaftlich zu erfassen beziehungsweise zu beschreiben, wurde von der weltentfremdenden, christlichen Prophetiesucht für 1500 Jahre unterbrochen und mit ihr unterdrückt. Offenbar war der Mensch im Groß damals noch nicht fähig, sich von der Metaphysik zu lösen, um die Welt und das Leben sachlich distanziert zu erleben und zu verstehen.