Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Sprache und Logik

Die Logik stellt, wie die Grammatik, allgemeine Regeln auf. Die Grammatik der eigenen Sprache lehrt nicht, wie man sprechen soll oder wird, sondern nur, wie man spricht oder gesprochen hat, wofür sich eben nur der Grammatiker interessiert. Die Grammatik einer fremden Sprache erfährt man ebenfalls am besten durch die Übung; immerhin kann die Grammatik einer fremden Sprache nützlich sein, wenn sie von der Grammatik der eigenen abweicht. Die Logik lehrt nun ebenso, nicht wie man denken soll oder wird, sondern nur wie man denkt oder gedacht hat, was doch nur den Logiker interessiert. Nützlich kann uns nur eine Logik der Fremden werden. Wir selbst sind bei unserer eigenen Denktätigkeit um so weiter von der Anwendung der Logik entfernt, je sachlicher wir uns an die Denkaufgabe halten. Und ich möchte behaupten, dass die berühmten Denkfehler, die Sophismen und Paralogismen, niemals von Nicht-Logikern gemacht worden wären. Denn das natürliche Gehirn denkt gar nicht ungegenständlich, wendet gar keine Regeln an, sondern urteilt und schließt vielleicht sogar genau so instinktiv wie das Tier. Erst der redende Mensch dachte "logisch". Es ist fast lustig, dass Logik von Logos stammt, der doch nicht im Anfang war.

Das Verhältnis zwischen Begriff und Wort könnte aufschlussreich werden für das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen. Wir erklären Denken und Sprechen immer aufs neue für identisch und müssen doch auf Schritt und Tritt zugeben, dass der Sprachgebrauch immer wieder einen Unterschied mache zwischen Denken und Sprechen, dass also die Identität nur auf Grund einer besonderen Definition beider Begriffe zu Recht bestehe. Reden wir doch, ohne dem Sprachgebrauch Gewalt anzutun, sowohl von einem gedankenlosen Sprechen als von einem nicht nur wortlosen Denken (was ein inneres Sprechen sein kann), sondern geradezu von einem vorsprachlichen Denken.

Zunächst möchte ich in sprachlicher Beziehung bemerken, dass der Begriff Denken wirklich nicht völlig der Korrelatbegriff von Sprechen ist. Eigentlich müssten wir ein besonderes Verbum für die Anwendung der Vernunft besitzen, das etwa dem französischen raisonner entspräche. Die einstige Übersetzung dieses Wortes, "vernünfteln" nämlich, hat wegen ihrer ungeschickten Bildung einen tadelnden Beigeschmack bekommen. Unser Begriff Denken würde dann für die Bedeutung übrig bleiben, welche auch raisonner im Sinne von Schließen besitzt, und wir könnten unseren Ausdruck "schließen" als den sprachlichen Korrelatbegriff für Denken gebrauchen. Ich will mit diesen Bemerkungen keine neuen Vorschläge machen; ich will nur auf die Schwierigkeiten der Terminologie aufmerksam machen. Nach dem gegenwärtig üblichen Sprachgebrauch verwirren sich nämlich die Korrelatbegriffe mit ihrer Komplikation. Wir gehen einerseits vom Begriff zum Urteil, zum Schlüsse und zum Denken über, anderseits vom Worte zum Satze, zum Schlüsse und zur Sprache. Auf den beiden unteren Stufen ist die Beziehung der beiden Korrelatbegriffe noch einigermaßen deutlich, auf der dritten Stufe fehlt die sprachliche Unterscheidung, auf der vierten Stufe herrscht vollkommene Wirrnis. Darum muss es nützlich sein, auf einige Beziehungen zwischen Begriff und Wort hinzuweisen.

Ich schicke voraus, was an späteren Stellen weiter ausgeführt wird, dass diese Stufen: Begriff, Urteil und Schluß der herkömmlichen Logik nachbenannt sind und mit der psychologischen Entstehung dessen, was wir so nennen, gar nichts zu tun haben, dass dem Begriffe fast immer ein Urteil, dem Urteile fast immer ein Schluß vorausgeht und dass aus diesem Verhältnisse übrigens die Wertlosigkeit der Logik deutlich wird. Zudem schicke ich voraus, dass unsere sogenannten Vorstellungen, welche wir durch Begriffe oder Worte auszudrücken glauben, erst durch unsere Bemühung, Begriffen oder Worten ein Objekt unterzuschieben, in unser Bewußtsein hinein kommen. Fast alle diese Vorstellungen sind bei normaler Geistestätigkeit freilich Erinnerungen, aber nicht irgendwie wahrnehmbare, wenn auch noch so abgeblasste Erinnerungsbilder, sondern einzig und allein Tätigkeiten unseres Gedächtnisses. Wäre dem nicht so, wäre die Erinnerung nur ein Erinnerungsbild, welches durch Wort oder Begriff hervorgerufen wird, so hätte die Sprache gar keine solche Bedeutung für den Menschen, so könnte das Tier ohne Sprache ebenso gut denken wie der Mensch. Denn es läge gar kein Hindernis vor, dass z.B. die Geruchsempfindungen dem Hunde ebenso Vorstellungen brächten wie die Worte dem Menschen und dass der Hund so allmählich dazu käme, sich mit Hilfe seines Geruches zur Wissenschaft zu erheben wie der Mensch mit Hilfe der Lautsprache. Dagegen jedoch sträubt sich unsere Überzeugung vom inneren Leben oder von der Psychologie des Hundes. Wir können es uns nicht anders vorstellen, als dass beim Hunde die gegenwärtigen Gerüche bloß Ideen-Assoziationen knüpfen und dass bei der flüchtigen und mangelhaften – ich möchte sagen – Artikulation der Geruchsempfindungen auch die Ideen-Assoziationen der Artikulation, der weiteren Brauchbarkeit entbehren.

Hört der Mensch ein ihm wohlbekanntes Wort, so steigt nur in Ausnahmefällen ein Bild vor ihm auf, was dann fast pathologisch als Sinnestäuschung aufgefaßt werden kann; in normalen Verhältnissen wird nur eine Kette oder ein Gewebe, ein Netz oder noch richtiger eine kleine Welt, ein Mikrokosmos von Ideen-Assoziationen angeregt, fast ohne Beteiligung der Sinnesorgane, fast ganz ohne Bewußtsein, und zu diesem Mikrokosmos (der nicht eindimensional wie eine Kette, der nicht zweidimensional wie ein Gewebe oder ein Netz, sondern dreidimensional oder, in Hinsicht auf die Zeit, vierdimensional wie eine Welt ist) gehören auch unzählige Ergebnisse von Schlüssen und Urteilen, die also dem Gebrauche des Begriffes vorausgehen, wie sie einst der Entstehung des Begriffes vorausgegangen sind.

Was wir für Vorstellungen halten, wenn wir beim Aussprechen oder Hören eines Wortes mitunter das Bedürfnis nach einem Halt in der Wirklichkeitswelt fühlen, das ist fast immer nur eine Exemplifikation, die absichtliche innere Aufmerksamkeit auf irgendein Beispiel. Wenn wir uns vergewissern wollen, ob wir uns bei den so genannten konkreten Worten wie Tier, Säugetier, Hund, Pudel wirklich etwas denken können. Es ist psychologisch interessant zu beobachten, wie wir in solchen Fällen immer zu dem nächstliegenden Beispiel greifen. Seitdem die Gelehrten Bücher- und Schreibtisch-Menschen geworden sind, wird man z. B. fast jedesmal, wenn ein Psychologe den Begriff Ding mit einer Vorstellung belegen will, Tisch, Feder und dergleichen erwähnt finden. Das Beispielhafte der Vorstellung ergibt sich noch schärfer bei abstrakten Begriffen wie Mut, bei Beziehungsbegriffen wie aber und selbst bei Verben wie kämpfen. Ich halte es nicht für unmöglich, dass ein flüchtig vorgestelltes Beispiel für aber, für Mut und für kämpfen die gleichen Elemente aufweist: zwei, die einander gegenüberstehen.

Es liegen also den Begriffen oder Worten wohl Sinnesempfindungen und Wahrnehmungen zugrunde, nicht aber Vorstellungen oder Erinnerungsbilder. Die Verwirrung in der psychologischen Terminologie ist da freilich eine vollständige. Man hat Vorstellungen und Wahrnehmungen zu nahe aneinander gebracht und war darum immer geneigt. das Denken oder Sprechen auf Vorstellungen aufzubauen. Andererseits sind doch wieder nur die Sinnesempfindungen die unmittelbaren Elemente der Begriffe; denn beim Übergang von Sinnesempfindungen zu menschlichen Wahrnehmungen dürften doch in der Entwickelung der Organismen unzählige sprachähnliche Urteils-Differentiale mitgewirkt haben. Wir halten uns vorläufig daran, dass nicht die Vorstellung es ist, welche dem Worte oder Begriffe zugrunde liegen muss, dass vielmehr das Wort oder der Begriff es ist, was eine Vorstellung hervorrufen kann.

Die gleiche Verwirrung herrscht zwischen Begriff und Urteil. Zwischen den Korrelatbegriffen Wort und Satz kann diese Verwirrung nicht so herrschen, weil Wort und Satz äußere Erscheinungen sind, die jedes Kind auseinander halten lernt. Das ist ja klar, dass der Satz "der Pudel ist ein Hund" oder "der Hund ist ein Tier" mehr ist als etwa das Wort Pudel oder Hund. Für die Psychologie jedoch ist es gar sehr fraglich, ob das Urteil "der Pudel ist ein Hund" irgendwie mehr ist als der Begriff der Pudel, ob eine gewisse Menge Alkohol dadurch vermehrt wird, dass ich Wasser zugieße. Es kann sogar vorkommen, dass der Alkohol, als Ursache einer Wirkung auf mich, durch Wasser weniger wird. Ohne Bild: es kann vorkommen, dass die Verwässerung eines Begriffs durch allzu breit getretene Urteile den Begriff abschwächt. Mir scheint es in dem wirklichen Geistesleben des Menschen, das man nicht den Schulbeispielen der Schulpsychologie gleichsetzen darf, nur eine Frage der Aufmerksamkeit, ob wir den Begriff oder das Urteil als das Primäre empfinden sollen. In Kants analytischen Urteilen (die wertlos sind und vielleicht trotzdem die einzigen Urteile, die es gibt) wird das Verhältnis klar: die Urteile gehen aus dem Begriff von selbst hervor, weil die Begriffe nur ökonomisch zusammengefasste Urteile sind. "Begriffe sind potentielle Urteile" (Riehl).

An dieser Stelle glauben wir nun eine deutliche Differenz zwischen Begriff und Wort wahrzunehmen und müssen sofort vermuten, dass auf einer höheren Stufe auch Denken und Sprechen oder Vernunftgebrauch und Sprachgebrauch verschieden sein werde. Ich will darauf zurückkommen und bitte gleich hier zu beachten, dass sich der Ausdruck Sprachgebrauch ganz von selbst als eine entsprechende Bezeichnung für die konkrete Tätigkeit der Sprachorgane ergeben hat.