Utilitarismus
Der Utilitarismus versucht ein grundlegendes moralisches Problem zu lösen: Eine Theorie, die besagt, dass moralische Urteile über Handlungen und/oder Regeln darauf beruhen sollten, wie gut sie für die Allgemeinheit sind. Zum Beispiel sind Handlungen oder Regeln, die nicht moralische Güter wie Glück oder Wohlstand maximieren, "moralisch gut". Wer im Sinne des Utilitarismus handelt, überlegt vor jeder Handlung, ob diese den größtmöglichen Nutzen für die Gesamtheit bringt und wenn ja, welchen. Leid soll minimiert und Freude maximiert werden. Mit dem Nutzen ist hier Glück gemeint, und Glück ist es, wenn der Mensch mehr das Gefühl von Freude empfindet, als das Gefühl von Leid. Das bedeutet, es soll so gehandelt werden, dass für alle Betroffenen möglichst viel Freude und möglichst wenig Leid mit der eigenen Handlung beziehungsweise Entscheidung erreicht wird. Jeremy Bentham, einer der Vertreter des Utilitarismus, ging sogar davon aus, dass genau ausgerechnet werden kann, welche Entscheidung nun besser oder schlechter ist.
Der Utilitarismus kann mit den vier gemeinsamen Merkmale Egalitär, Hedonistisch, Konsequentialistisch und Teleologisch beschrieben werden: Egalitär bedeutet, dass alle Bedürfnisse von allen Beteiligten gleich berücksichtigt werden müssen. Dabei ist die Lustbefriedigung das wichtigste Ziel der Menschen (hedonistisch). Mit konsequentialistisch ist gemeint, dass die Folgen und Konsequenzen einer Handlung mit in die Beurteilung der Situation einfließen. Teleologisch bedeutet hier, dass das Ziel beziehungsweise der Zweck einer Handlung eine wichtige Rolle spielt.
Die wichtigsten Vertreter des Utilitarismus sind Jeremy Bentham, John Stuart Mill und Peter Singer. Bentham wurde 1748 in London geboren und starb im Jahr 1832. John Stuart Mill war einer seiner Anhänger, dieser lebte von 1806 bis 1873. Nützlichkeitslehren gab es schon lange vor ihnen, doch Bentham führte als erster den Utilitarismus in Europa ein. Er entwickelte etwa zu Zeiten der Französischen Revolution das Moralkonzept des Utilitarismus. Laut Bentham ist alles Handeln hedonistisch geprägt. Das bedeutet, dass das Handeln nach der Lustbefriedigung der Menschen ausgerichtet wird. Moralische Handlungen werden anhand der zu erwartenden Konsequenzen beurteilt und nützlich sind sie dann, wenn sie einen Vorteil, Freude oder Glück hervorbringen.
John Mill wurde von seinem Vater, der ein Freund von Bentham war, utilitaristisch erzogen. In einigen Punkten grenzte er sich jedoch von Benthams Konzept ab und erweiterte dieses. Im Gegensatz zu Bentham, der dafür plädierte, ausschließlich quantitative Maße für Glück und Zufriedenheit zur Bewertung und Beurteilung von Verhalten heranzuziehen, ist es laut Mill ebenso wichtig, qualitative Faktoren zu berücksichtigen. Bentham wird von Mill dafür kritisiert, dass er nicht zwischen qualitativem und quantitativem Glück unterscheidet. Beim quantitativen Utilitarismus kommt es nur darauf an, wie viel Freude und Schmerz jemand empfindet. Beim qualitativen Utilitarismus hingegen ist auch die Qualität des Vergnügens oder der vergnügungsähnlichen Gefühle wichtig. Einige Arten von Vergnügen werden als wertvoller und wünschenswerter angesehen als andere. Welche Art von Vergnügen oder Glück wertvoller oder wünschenswerter ist, wird anhand von Erfahrungswerten bestimmt. Ob ein leckeres Essen oder ein schönes Lied mehr Vergnügen bereitet, entscheidet demnach ein Mensch, der beides erlebt hat. Daher hat eine intellektuelle Tätigkeit den gleichen Wert wie eine Tätigkeit, die mit sinnlichem Vergnügen verbunden ist. Beispielsweise wäre hier ein leckeres Essen gleichgestellt mit dem Hören von schöner Musik.
Peter Singer, geboren 1946 in Australien, lehrt eine ganz moderne Form des Utilitarismus, auch genannt Präferenzutilitarismus. Im Präferenzutilitarismus werden Handlungen danach beurteilt, wie gut ihre Ergebnisse mit den Präferenzen der von ihnen betroffenen Menschen übereinstimmen. Wenn die Handlungen einer Person den Wünschen anderer, von der Handlung betroffener Menschen zuwiderlaufen, dann ist die Handlung moralisch nicht richtig. Der Unterschied zwischen dem Präferenzutilitarismus und dem klassischen Utilitarismus liegt darin, dass beim Präferenzutilitarismus die Präferenz bei einer Gruppe von Lebewesen liegt. Das heißt, eine bestimmte Gruppe hat Vorrang. Diese Interessenabwägung soll aber unabhängig von Rasse und Geschlecht vorgenommen werden. Er hält es aber beispielsweise für richtig, abhängig vom Gesundheitszustand eines Menschen diesen zu präferieren. Singer sagt, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die in der Lage sind, Vorlieben und Interessen zu entwickeln. Menschen mit einem voll entwickelten Verstand können sowohl Glück als auch Schmerz empfinden und haben ein konstantes Gefühl dafür, wer sie sind. Diese Gruppe kann entscheiden, dass sie nicht leiden will, weil sie das Leiden tatsächlich spüren kann. Selbsterkenntnis ist ein Muss, wenn man sich für das Leben entscheiden will. Der Mensch ist sich seiner selbst nur bewusst, wenn er sich in der Gegenwart und in der Zukunft sehen kann, was bedeutet, dass er Pläne für die Zukunft hat. Als menschliches Wesen bezeichnet Singer jedes Lebewesen, das diese Eigenschaft besitzt. Die zweite Gruppe sind nichtmenschliche Wesen. Singer zählt Menschen mit geistigen Behinderungen und Babys zu dieser Gruppe. Er geht davon aus, dass sie nicht wissen, wer sie sind, und daher keine Präferenzen wie den Wunsch, am Leben zu bleiben, entwickeln können. Wird also etwa eine Fliege getötet, gilt dies als moralisch vertretbar, da die Fliege sich selbst nicht bewusst ist und keine Wünsche entwickeln und äußern kann.
Der Utilitarismus lässt sich in vier Prinzipien gliedern:
Konsequenzenprinzip
Der Utilitarismus wird auch als Folgeethik bezeichnet. Einfach gesagt, bedeutet dieses Prinzip, dass Handlungen nach ihren Folgen, oder Konsequenzen, beurteilt werden. Genannt wird es daher auch das Folge- oder Konsequenzenprinzip. Die Gründe dieser Handlungen sind dabei nicht von Bedeutung. Eine Handlung ist dann moralisch richtig, wenn insgesamt die positiven Folgen die negativen Folgen überwiegen.
Das hedonistische Prinzip
Das hedonistische Prinzip besagt, dass die Folgen der Handlungen nach der größtmöglichen Lust, dem maximalen Nutzen beziehungsweise nach der gering möglichsten Unlust, beurteilt werden. Es ist auch bekannt als das Lustprinzip. Es wird beobachtet, ob durch die Handlungen, die Lust vermehrt oder die Unlust verringert wird. So wird entschieden, ob eine Handlung moralisch korrekt ist oder nicht. Was genau ist aber mit Lust gemeint? Die Vertreter haben unterschiedliche Auffassungen davon. Jeremy Bentham berücksichtigt alle möglichen Lüste gleich. John Miller dagegen berücksichtigt geistige Lüste stärker als körperliche Lüste. Peter Singer wiederum spricht bei Lust eher von Präferenz. Daher ist dieses Prinzip auch nur ein Teil vom klassischen Utilitarismus. Im Präferenzutilitarismus ist dieses Prinzip nicht immer passend, da es da um die Präferenzen aller an der Handlung betroffenen geht.
Das universalistische Prinzip
Dieses Prinzip besagt, dass es um das Wohlergehen, aller von der Handlung Betroffenen geht. Dabei zählt eine Person nicht mehr als eine andere, es werden alle betroffenen Personen genau gleich behandelt. Daher wird es auch das Verallgemeinerungsprinzip genannt. Da der Utilitarismus Handlungen nach Lust und Unlust bewertet, werden auch Tiere als moralische Objekte gesehen und werden somit auch bei der Lust-Unlust-Berechnung berücksichtigt. Der Nutzen wird anhand des Vergnügens, der Zufriedenheit oder des Wohlbefindens der Menschen bewertet. Das entscheidende Kriterium bei der Bewertung ist nicht das eigene Wohlergehen, sondern das aller anderen Betroffenen.
Das Utilitätsprinzip
Beim letzten Prinzip geht es darum, dass die Handlungen aufgrund des Nutzens für die Einzelnen bewertet werden. Dabei ist der Nutzen die Freude und die Kosten sind das Leid. Es wird berechnet, ob durch die Handlung mehr Leid oder mehr Freude bei den Betroffenen verursacht wird. Mehr Freude bedeutet, die Entscheidung ist moralisch, und mehr Leid, die Entscheidung ist unmoralisch.
Kritik
Der Utilitarismus hat das Ziel, den Gesamtnutzen zu maximieren. Doch es gibt zwei Hauptargumente, die gegen den Utilitarismus geäußert werden. Gegen den Utilitarismus spricht, dass schlechte Handlungen nicht stark genug berücksichtigt werden. Eine Handlung ist nämlich nach dem Utilitarismus nur dann schlecht, wenn sie nicht den Nutzen maximiert. Der nächste Kritikpunkt ist, dass die Menschen damit überfordert sind. Das bedeutet, wenn das Folgeprinzip beachtet wird, müsste der Mensch alle Folgen seines Handelns analysieren. Das ist aufwendig und überfordernd, wenn dies für jede kleine Handlung geschehen muss. Diese zwei Hauptargumente machen deutlich, dass der Utilitarismus nicht immer funktionieren kann. Nur in Einzelfällen ist es möglich, danach zu handeln.