Der Utilitarist, das Gute und die Pflicht, die Welt zu verbessern
Es gibt die landläufige Ansicht, dass es die moralische Pflicht des Menschen wäre, die Welt besser zu machen. Ich halte diese Vorstellung für falsch. Es ist nicht unsere moralische Aufgabe oder gar Pflicht, die Welt besser zu machen. Es ist allerdings unsere Verantwortung, sie nicht zu verschlechtern, im Sinne von Beschädigen. Darüber hinaus haben wir dazu keinen Auftrag. Wer in diesem Sinne tätig wird, tut dies vollkommen freiwillig. Moralische Pflicht leitet sich nicht ab aus vorhandenen Optionen auf Verbesserung der Welt, sondern direkt aus direkt und intuitiv zu erfassenden Ansprüchen anderer Personen in lebensweltlichen Zusammenhängen. Hierunter fallen solche Dinge wie die Pflicht zur Wahrhaftigkeit, zur Nothilfe oder zur Respektierung fremden Eigentums und fremder körperlicher Unversehrtheit. Nichts davon verbessert die Welt, aber es erhält sie, und zwar nicht nur im Sinne der unmittelbar Betroffenen, sondern auch in Hinsicht auf die Aufrechterhaltung sittlicher Standards, ohne die eine Gesellschaft nicht gut funktionieren kann.
Der Konsequentialismus/Utilitarismus betrachtet die moralische Sphäre dagegen nicht als eine Angelegenheit unmittelbarer Verantwortungen betroffener Subjekte, sondern als offenen Möglichkeitsraum von Eingriffen, welche jeweils Kausalketten auslösen, deren Summe in den eingetretenen Folgen allein(!) über die moralische Qualität eine Handlung bestimmt. Hier ist also das Motiv der Verbesserung des Gesamtzustandes leitend. Das Schlüsselwort bei Moore, um nur einen zu nennen, ist der Begriff „gut“. Moore stellt bekanntlich fest, dass dieser Begriff weder über Äquivalente der natürlichen Welt (=> naturalistic fallacy) definiert werden kann, noch, in der Sphäre des rein Moralischen, überhaupt definierbar ist. Da entsteht natürlich für den Utilitaristen das Problem, was denn der Maßstab für die Verbesserung der Welt überhaupt sein soll. Weil diese Frage aber nicht gelöst ist, bzw. jede versuchte Lösung in Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten führt, hat sich bereits eine ganze Reihe von Unterformen des Utilitarismus herausgebildet, welche aber sämtlich auch nicht wirklich befriedigen.
Der ursprüngliche Utilitarismus von Bentham war explizit hedonistisch konzipiert, wobei die zu erzielenden Schmerz- und Lustfolgen einer Handlung buchhalterisch aufsummiert werden sollten. Dass dies unbefriedigend ist und weder durchführbar noch der Sache angemessen ist, lag unmittelbar zutage. Ohne dies ausführlich weiter zu diskutieren, sei als eine unter den versuchten Lösungen des Dilemmas der sogenannte Präferenz-Utilitarismus erwähnt, welcher nicht auf abzählbare Lust-Einheiten ausgeht, sondern auf die subjektiven Präferenzen der von den Folgen der Handlung Betroffenen. Das ist etwa die Position von Peter Singer, dem australischen Tier-Ethiker. Doch auch diese Variante führt schnell in die Aporie, da Lebewesen von Natur aus in antagonistische Interessenlagen geraten. Die Förderung der einen führt schnell zum Schaden der anderen.
Der Utilitarismus hat also nicht nur das Problem, dass er in jeder denkbaren Ausformulierung in Kalamitäten gerät, wenn er darlegen soll, worum es eigentlich geht bzw. gehen soll bei der Abwägung der Optionen. Denn er operiert entweder mit Zielvorgaben, die logisch miteinander in Konflikt geraten, wie persönliche Präferenzen, oder er setzt ein abstraktes „gut“, von dem er aber nicht angeben kann, worin es besteht.
Der Utilitarismus ist dem Selbstverständnis nach antimetaphysisch und arbeitet dabei mit dem naturwissenschaftlichen Welt- und Wahrheitsmodell einer in sich geschlossenen, kausal strukturierten Welt der reinen faktischen Ereignisse, welche frei ist von Beurteilungen, Norm- und Wertüberlagerungen durch den menschlichen Geist. Es ist eine Welt, wie sie einem komplett interesselosen, dabei allwissenden Betrachter sich darbieten würde, so nach der Art des Laplace’schen Dämons. In dieser Welt wiederum tauchten Menschen auf und handelten und brächten dabei ihre Wertvorstellungen, Präferenzen und Urteile mit und wendeten diese auf die Vorlage der puren Faktizität an. Aus der Sicht des Dämons fragt es sich allerdings: Was heißt denn hier: die Welt verbessern? Kann dieses Verbessern jemals die Bedeutung von „das Angenehme im aktuell gelebten menschlichen Dasein steigern“ überschreiten? In einer Welt der puren Faktizität gibt es keinen Platz für ein „gut an sich“, eine bessere Welt insgesamt. „Gut an sich“ ist eine metaphysische Qualität, welche mit der „Welt an sich“ gegeben ist oder gar nicht ist. Mit einem „gut an sich“ wäre außerdem dem Lauf der Welt auch eine Richtung gegeben, nämlich in Hinsicht auf eine Verwirklichung jenes Guten. Und die Menschen als die einzigen Lebewesen auf Erden, die dessen Erkenntnis mächtig sind, wären seine Agenten.
Der Utilitarismus, wenn man ihn zu Ende denkt, gerät nicht nur schnell in die Gefahr, das eigentlich Moralische zu verlieren, um sich gleichzeitig theoretisch zu übernehmen in Hinsicht auf die Absehung der Folgen und Zuständigkeiten des Handelns. Und er hängt sein Gebäude an Begriffen auf, welche in seiner Metaphysik gar nicht vorkommen dürften.