Widerstand
Widerstand umfasst den ethischen und politischen Widerstand gegen ungerechte Herrschaft, das Recht auf Ungehorsam (Widerstandsrecht) sowie den inneren, psychischen Widerstand gegen das Bewusstmachen unbewusster Motive. Er ist ein normativ aufgeladener Begriff, der von gewaltlosem zivilen Ungehorsam bis hin zu gewaltsamen Aufständen reicht und oft als moralische Pflicht bei Unrecht verteidigt wird.
Eine kleine Grammatik des Widerstands:
Vorsilben verraten mehr über politische Programme und philosophische Systeme, als deren Urhebern lieb sein mag. Das soll im Folgenden anhand eines Mitglieds der ersten Liga der Vorsilben betrachtet werden, dem „Re-“.
An der Vorsilbe Re- führt kein Weg vorbei, denn sie hat sich in zahllosen Begriffen festgesetzt, die in Geschichte, Politik und Philosophie eine führende Rolle spielen. Zu ihnen gehören Religion, Renaissance, Reformation, Revolution, Rebellion, Restauration und Widerstand (resistance) ebenso wie Reaktionäre, Revisionisten und Reformer. Dazu kommen Reflexion, Reproduktion, Rekonstruktion, Repetition, Referenz, Reduktion, Relation, Repräsentation, Resonanz, Respekt, Anerkennung (recognition) und Verantwortung (responsibility). Die Hütte ist voll, und in ihr befinden sich viele Bücher, deren Rücken Re-Wörter zieren, z.B. aus dem englischen Sprachraum Representative Men (Ralph Waldo Emerson), Reconstruction in Philosophy (John Dewey), The Structure of Scientific Revolutions (Thomas Kuhn), The Roots of Reference (Willard Van Orman Quine).
Re- meint zurück-, wieder-, wider-, herum- und sonst noch manches. Mit ihrer Elastizität kann diese Vorsilbe ein breites Spektrum von mehr oder minder konfliktreichen Bezügen abdecken. Die wichtigsten semantischen Gehalte, die mit Re- transportiert werden, liegen in dem Bereich, wo sich Wieder und Wider berühren, denn hier zeigt sich, dass bei Re- etwas wiederkommen, aber auch anders weitergehen kann.
Wenn etwas wiedergegeben (oder nochmal gespielt) wird, schlägt nämlich nicht nur die Stunde des Immergleichen, sondern es eröffnet sich die Gelegenheit zur Abweichung. Man kennt dies von Reprise und Remake – sowie auch von der Repräsentation, die in der Politik den Volkswillen wiedergeben soll, ihn aber vielleicht verbiegt. Selbst beim Widerspiegeln bleibt nicht alles gleich, vielmehr dreht sich alles um. So schillert Re- zwischen Reziprozität und Revanche sowie auch zwischen der Wiederherstellung eines alten Zustands einerseits, Widerspenstigkeit und Widerstand andererseits. Zwar gilt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, doch wer auf „Resonanz“ setzt, verspricht sich davon meist mehr als bloßes Echo.
Ein auffälliges Beispiel für die semantische Breite von Re- ist das Wort Revolution, dessen Bedeutung sich im Lauf der Jahrhunderte von Wieder zu Wider verschoben hat. Erst meinte es eine Umdrehung, dann eine Umkehrung. Erst bezeichnete es die Umlaufbahn der Planeten, dann den Umsturz von Gesellschaften. Ein ähnliches, weniger auffälliges Beispiel ist die Revision, denn sie taugt für bescheidende Anknüpfung und ambitionierte Abweichung gleichermaßen. Die Redewendung, man gehe (noch einmal) über die Bücher, kann besagen, dass man nur erneut prüft, ob die Zahlen stimmen. Sie kann aber auch – wie etwa bei einer umfassenden Gesetzesrevision – über die bloße Durchsicht hinaus einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Man sieht alles ein weiteres Mal – oder: Man sieht alles anders. Im Übrigen haben Heraklit, Søren Kierkegaard, Sigmund Freud, Andy Warhol, Gilles Deleuze und viele andere gelehrt, dass bei Wiederholung oder Repetition nicht alles gleichbleibt. Das sollten auch die Deutschen irgendwann lernen, die die schlechte Angewohnheit haben, Neuentwicklungen als kalten Kaffee zu servieren, also als Wiederkehr von etwas kleinzureden: „Wiederaufbau“, „Wiedervereinigung“.
Grob kann man sagen, dass Re- zwischen Anti- und Post- angesiedelt ist. Wie bei Anti-, aber schwächer ausgeprägt, kommt es bei Re- zur Abweichung oder Gegenstellung mit Bezug auf eine Vorgabe. Wie bei Post-, aber weniger markant, eröffnet sich bei Re- eine zeitliche Differenz zwischen dem, was war, und dem, was als Repetition oder Reaktion folgt. Zweifellos gebührt Re- ein fester Platz in der ersten Liga der Vorsilben, doch zwei Gründe haben dazu geführt, dass der Vorsilbe die Tabellenführung versagt bleibt. Sie haben mit Ermüdung und – schlimmer noch – mit Vergiftung zu tun.
„Man hat das Wort revolutionär zu oft missbraucht“, schrieb Condorcet schon 1793. Er konnte seinerzeit nicht wissen, was diesem Wort in der Folgezeit noch zugemutet werden würde (und auch nicht, dass die Französische Revolution ihn 1794 ums Leben bringen würde). Zur Ermüdung der Vorsilbe Re- kommt es aber nicht nur durch Abnutzung, sondern auch durch eine besondere sprachliche Vorgabe, die ihre Verwendung steuert. Implizit richtet sie nämlich eine Forderung an die Wörter, mit denen sie Verbindungen eingeht. Diese müssen – kurz gesagt – für Aktionen oder Prozesse stehen, Zustände hingegen sind nicht erlaubt. Es gibt Renaturierung, aber keine Renatur, Resozialisierung, aber keine Resozialität. Wer keinen tätigen Elan aufbringen kann, geht der Vorsilbe Re- vielleicht zum Zweck der Stressvermeidung aus dem Weg.
Die Vorsilbe Re- kann auch Gift absondern. Egal ob das Re- nun einer Wiederholung oder einem Widerruf zuarbeitet, es bleibt auf eine Vorgabe bezogen. Ähnlich wie bei Anti- kann dieser Bezug obsessive Züge annehmen. Nirgends zeigt sich das deutlicher als am Ressentiment. Mit ihm erreicht die Vorsilbe Re- ihren Tiefpunkt. Unschlagbar ist Friedrich Nietzsches Kritik am „unsinnigen Wüthen des Ressentiments“ und seine Analyse der „reaktiven Affekte“ in Bezug auf die „Gegen- und Aussenwelt“. Zur breiten Palette dieser Affekte gehören „der Ärger, die krankhafte Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne“. Man lebt sein Ressentiment aus, wenn man etwas schlechtmacht, um sich gut zu fühlen, und vergiftet damit die Beziehung zu anderen und letztlich zu sich selbst.
Gewiss verfangen sich nicht alle Verwendungsweisen von Re- in dieser Abwärtsspirale. Doch jene negative Fixierung erklärt, warum Re- beim Kampf um die Tabellenspitze in der ersten Liga der Vorsilben leicht zurückgefallen ist.