Significante

– Philosophische Betrachtungen und Denkanstöße –

Betrachtungen über die Zeit als Änderung

Redewendungen über die Zeit hört man oft im Leben. „Lass Dir Zeit“, oder wenn etwas angestrebt wird; „Kommt Zeit, kommt Rat“, wenn eine Lösung gesucht wird. Solche Phrasen, die als Trost und Ermunterungen für Lebensmomente dienen, berühren aber etwas Tieferes – eine Verbindung zwischen Zeit und Änderung. Wenn es um die Frage der Zeit geht, wird folgende These vertreten: Die Zeit ist nichts weiteres als Änderung; ohne Änderung gäbe es keine Zeit.

Um dem näher zu kommen, ist ein Denkspiel hilfreich. Stellen wir uns vor, es gäbe eine Dose Butter auf dem Tisch. Sie steht ohne Deckel da und in ein paar Tagen ist zu sehen, wie die Butter in ihrer Farbe dunkler geworden und auch ein bisschen geschmolzen ist. Chemisch gesehen ist die Farbänderung durch Oxidation und das Schmelzen durch die Steigerung ihrer Temperatur zu erklären. Nun wird zum zweiten Mal eine Dose Butter auf den Tisch gestellt. Aber diesmal wird sie mit einem Glasdeckel bedeckt, welcher wasser-, licht- und luftdicht ist und jegliche Änderung der Aussentemperatur verhindert. Man ahnt schon, was mit der Butter in ein paar Tagen passieren wird, nämlich, nichts. Die Butter bleibt unverändert.

Stellen wir uns jetzt vor, es gäbe so einen Deckel für mehrere Gegenstände oder sogar für die ganze Welt, worunter nichts berührt wird, sich nichts bewegt und auch nichts verändert. Wie vergeht die Zeit? Man könnte sagen, dass, obwohl sich unter dem Deckel nichts ändert, die Zeit dennoch vergeht; sie kann zumindest von außen identifiziert werden, zum Beispiel mit dem Sonnenauf- und -untergang. Aber dann wird die Zeit durch den Sonnenauf- und -untergang bestimmt, welche durch Änderungen der Positionen unseres Planeten im Bezug zur Sonne in einem wiederholten Muster bestimmt sind. Und wenn diese Bewegungsmuster aufhören, beschleunigen oder nachlassen sollten, wie würde die Zeit dann vergehen? Ist die Zeit etwas für sich alleine oder ist sie abhängig und nur von außen zu bestimmen? Sagen wir mal, dass es die Zeit gibt und zwar für sich alleine. Kalender mit Tagen, Monaten und Jahren sowie Uhren mit Stunden, Minuten und Sekunden stehen bereit und zählen die Zeit. Es gibt auch die Atomuhren, damit unsere internationale Gemeinschaft im Schritt bleiben kann. Aber was wird genau mit diesen Instrumenten gemessen? Ist eine Sekunde etwas Alleinstehendes und wieso hat sie genau ihre Dauer? Messinstrumente für Distanz, zum Beispiel, benennen und nutzen unterschiedliche Längen. Aber ist einen Meterstab, mit dessen Zentimeter und Millimeter, mehr als ein entworfener und angenommener Vorschlag dafür, wie man über Distanz, Raum und Platz diskutieren kann? Und wenn Meterstäbe Distanz messen, was genau messen dann Uhren und Kalender?

Die Zeit, so bleibt die These, ist nichts weiteres als Änderungen, die in einem mehr oder weniger bestimmten Muster nach Vorne und Hinten beobachtet und erlebt werden können. Aber was wir tun und wie wir darin handeln, das ist unsere Entscheidung.

Manchmal sehe ich Menschen nach Jahrzehnten und nichts, aber auch nichts, deutet darauf hin, dass eine "Zeit" zwischen uns lag. Manchmal besuche ich Orte, die ich Jahrzehnte nicht sah und ich spüre keine Zeit in mir. Ich frage mich, ob es die „Zeit“ überhaupt gibt. Menschen versuchen seit Jahrtausenden, die Zeit festzuhalten, sie zu katalogisieren. Künstlich festzulegen, wann ein Jahr beginnt und wann es aufhört. Und wir machen diesen Quatsch alle mit. Warum? Weil wir in einer Kunstgesellschaft leben, die für alles ein Konstrukt erfindet. So ist auch die Zeit ein willentliches menschliches Konstrukt. Ich wage mittlerweile zu bezweifeln, dass es sie wirklich gibt. Wir werden auf die Welt geboren, wachsen heran, durchlaufen verschiedene Institutionen und denken uns, es sei "an der Zeit", einen Beruf auszuüben, sind dafür aber möglicherweise noch viel zu kindlich, um zu wissen, was wir genau machen sollen. Alles packen wir Menschen in einen zeitlichen Rahmen, um uns die Welt, das Leben zu erleichtern. Wir schaffen kleine Kästchen für uns und da wird das alles hineingepackt: die Zeit, das Alter, die Heirat, die Fortpflanzung, der Tod. Aber wir sehen auch immer wieder, dass genau der Tod sich an keine Zeiten hält. Er kommt, wann er will, zu wem auch immer er will.

Auch die Einsamkeit hält sich an keine Zeiten – baue ein Haus mit Deiner Liebsten, bekomme Kinder mit ihr und dann verschwindest Du mit Deiner Sekretärin in der Mittagspause im Wald und treibst es mit ihr auf dem Rücksitz und fängst an sie wirklich zu lieben. Haus, Frau und Kind werden Dir egal – die Zeit fragt nicht danach, wen Du wann liebst. Die Zeit fragt nicht, wann Du Hunger oder Durst hast – manchmal liegst Du Tage in den Bäumen und magst weder sprechen noch sterben. Dann bist Du zeitlos.

Gibt es überhaupt Zeit?

Ich behaupte, es gibt sie nicht, die Zeit. Es gibt Erlebtes, es gibt die Geschichte der Menschheit – aber es läuft alles auf irgendeine Art und Weise parallel. Der Vollmond, die Sterne und die Sonne – sie sind zeitlos und unschuldig. Die Natur hat ihre sich stets wechselnden Momente der Erneuerung, des Sterbens und des Wiederauferstehens. Kennen die Tiere eine Zeit? Nein! Sie haben ihre biologische Uhr, die sie wachwerden lässt und die sie in den Schlaf schickt – ohne Tagesschau. Kennen die Banken und die Hedgefonds eine Zeit? Nein! Sie machen zu Zeiten, wo wir überhaupt nicht damit rechnen, die Welt kaputt! Gott oder das „höchste Wesen“ sind ebenfalls zeitlos. Das macht doch irgendwie Mut – oder? Ich möchte mich von der Zeit verabschieden, ja – aber nicht von meiner Uhr. Sie ist nur ein kleines Signal, mich zu einer bestimmten Zeit einzustellen. Aber Zeit? Das hat nichts mit der Uhr zu tun – weil ich denke: es gibt sie nicht.